HAUS WEG DEN CLOWN

eine Clownsgeschichte nach meinem gleichnamigen Theaterstück

 

1. Kapitel

 

   "Achtung! Achtung! Der Clown wird zum Direktor gebeten! Clown, bitte zum Direktor kommen! Der Clown wird zum Direktor gebeten!"

 

Wird zum Direktor gebeten.  G e b e t e n  ! ! ! - Das hört sich gut an, dachte der Clown, während er in seinem Wohnwagen grade an einem tollen, neuen Trick feilte. Und darum ging es: Der Zuckerlöffel musste in die Zuckerdose.-

 

„Toller Trick!“, wird da der eine oder andere sagen. Was gibt's da zu feilen? Wenn er da rein muss, dann soll man ihn doch reintun!

 

Zu einfach gedacht, Freunde. Viel zu einfach! - Denn die Zuckerdose stand auf einem Kuchenteller, der Kuchenteller auf einer Kaffeetasse, die Kaffeetasse auf einer Untertasse, die schlingerte leicht auf dem spitz zulaufenden Deckel einer Kaffeekanne und die wiederum auf der blankpolierten Clownsglatze. Aber damit nicht genug!- Denn der ganze Clown balancierte auf einem wackeligen Küchenstuhl, ein Bein weit nach hinten, einen Arm und den Oberkörper weit nach vorne gestreckt. Man hätte meinen können, er schwebe, eine schräg, nach oben gezogene Line entlang, schwerelos in der Luft.

 

Dies hierzu! - Aber, was war nun mit dem Zuckerlöffel? - Ach ja, der Zuckerlöffel!-

 

Der lag auf der Schuhsohle des nach hinten weggestreckten Beines und würde gleich durch eine kurze, federnde Bewegung des Unterschenkels in die Zuckerdose hinein geschleudert.- Wenn, - ja, - wenn alles gut geht.

 

   "Der Clown wird zum Direktor gebeten!", ertönte draußen Fräulein Karpinkels Stimme.

 

   "Das hat er doch noch nie getan, mich gebeten.", murmelte der Clown zu sich selber und versuchte die schlingernde Geschirrpyramide auf seiner Glatze ins Gleichgewicht zu bringen.

 

   "Achtung! - Achtung! Der Clown wird zum Direktor gebeten! Clown bitte zum Direktor kommen! Der Clown wird zum Direktor gebeten!"

 

Zirkusdirektor Broomsbeutel Juniors erste Chefsekretärin ließ ihr blechernes Organ erneut durch die Dunkelheit hallen, vom anderen Ende des Zirkusplatzes her, aus der Richtung, in der der Direktionswagen stand.

 

So weit war dem Clown der Trick noch nie gelungen. Ein letzter, kurzer Augenblick höchster Konzentration noch, und schon morgen könnte diese artistische Weltsensation das Publikum des Zirkus Bonfetti in staunendes Entzücken versetzen. Direktor Broomsbeutel würde ihm auf die Schulter klopfen und seine Gage erhöhen. - Das heißt, die Gage würde er ihm natürlich nicht erhöhen. Das wäre wohl zu viel des Guten. Aber sein Wohlwollen, das hätte der Clown immerhin gewonnen. Endlich stünde er dann auf einer Stufe mit den Hochseilartisten, dem Löwendompteur und dem Zauberer Peppino, der jeden Abend das reizende Fräulein Clarissa zersägt. Wenn...- Ja, wenn es ihm gelingt, diesen Zuckerlöffel in die Dose da oben...-

 

Im Geiste fing er an bis drei zu zählen. Eins... - Bei drei würde er den Löffel fliegen lassen.

 

Zwei... Nur jetzt keine anarchistischen Gedankenspiele mehr, sinnierte er schnell zwischendurch und ging daran, sich zur Drei vorzudenken. - Zweieinhalb, und...!?

 

   "Der Herr Direktor bittet den Clown zu sich!"

 

Was mag er nur wollen? Die Vorstellung ist seit zwei Stunden zu Ende. Ich habe Feierabend. Das heißt, wenn dieser Löffel da in der Dose... - Kleine Schweißperlen glänzten mittlerweile auf seiner Stirn.

 

   "Der Clown wird zum Direktor gebeten!", tönte die Karpinkel von draußen, hörbar näher kommend.

 

Kurz vor der Drei schoss ihm, ohne dass er es verhindern konnte, der Gedanke durch den Kopf: Wieso bittet er mich? Das hat er doch noch nie getan.

 

Sein Standbein zitterte leicht und drohte unter ihm nachzugeben.

 

Sonst hat immer nur angeordnet, wenn ich zum ihm kommen soll.

 

Widerstand war offenbar zwecklos gegen diesen Gedankenbrei, der stetig blubbernd, seine grauen Zellen überkleckerte.

 

Egal! Wie dem auch sei. Erst fliegt dieser Löffel da in die Dose.

 

   "Der Clown wird zum Direktor gebeten!"

 

Der Laustärke nach musste sie sich jetzt in unmittelbarer Nähe befinden.

 

Unkontrolliert trieben dem Clown die Gedanken durch den Schädel und flogen von Hirnlappen zu Hirnlappen hin und her, wie Tischtennisbälle.

 

Ich habe mich nicht verhört. Er bittet. Er hat wirklich „bitte“ gesagt. - Was kann er nur wollen? - Und jetzt den Löffel in die Dose...

 

Da wurde mit roher Gewalt, ohne Vorsicht und Achtung die Eingangstür seines Wohnwagens scheppernd, gegen den Stuhl auf dem er stand, aufgestoßen,.

 

          Schade! Schade! Und warum kann sie nie anklopfen, hörte sich der Clown noch denken, als zuerst die Zuckerdose ein Opfer der Schwerkraft wurde, gefolgt vom restlichen Service und seinem verzweifelt um sein Gleichgewicht und seine Fassung ringendem Selbst.

 

   "Haben Sie Tomaten auf den Ohren?", herrschte die Karpinkel ihn an, ohne sich um die angerichtete Bescherung zu kümmern.

 

   "Nein.", antwortete der Clown wahrheitsgemäß.

 

   "Sie sollen zum Direktor kommen!"

 

Fräulein Karpinkel war ziemlich außer Atem. Das war sie selten. Und sie war ziemlich sauer. Das war sie meistens.

 

   "Gebeten werde ich?- So sagten Sie jedenfalls! - Oder nicht?"

 

Der Clown musste es nun ganz genau wissen.

 

   "Wenn Sie so wollen. Kommen Sie endlich! Direktor Broomsbeutel ist ein vielbeschäftigter Mann."

 

Damit wandte sie sich wieder zum Gehen.

 

Nun ist eine rabiate Chefsekretärin, die es eilig hat, eine Person und ein sich geschmeichelt fühlender Clown eine andere. Und es wird wahrscheinlich nur wenige geben, die behaupten, beide hätten viel gemeinsam.

 

   "Er hat wirklich gesagt,...,", fragte der Clown, während er sich langsam wieder aufsetzte, "Er hat wirklich gesagt, richten Sie meinem Mitarbeiter, dem Herrn Clown aus, ich bitte ihn zu mir? - Ja?"

 

   "Ja! So ungefähr!", entgegnete Fräulein Karpinkel knapp und unverschämt, während sie sich mit eiligen Schritten zurück in Richtung Direktionswagen entfernte. So konnte der Clown nur aufspringen und ihr aus dem Türrahmen hinterherrufen:

 

   "Hat er eigentlich sonst noch was gesagt, der Herr Direktor?"

 

Als hätten Wurzeln aus ihren Schuhsohlen ins Erdreich geschlagen, blieb sie stehen, drehte sich um, spannte ihre Lippen zu einem feinen, dünnen Strich, und mit einer Stimme gegen die ein Eiszapfen wohlige Wärme verbreitete, hüstelte sie atemlos:

 

   "Ja, das hat er, Herr Clown! Er hat noch gesagt, wenn dieser Trottel von einem Clown nicht innerhalb einer Minute hier ist, dann kann er sein blaues Wunder erleben!"

 

Dazu schenkte sie ihm ein mitleidiges Lächeln, machte auf dem Absatz kehrt und marschierte, fast wie ein Soldat dem Schlachtfeld, ihrem Arbeitsplatz entgegen.

 

Aha, dachte da der Clown bei sich, denn zu sagen gab es hier ja nicht mehr viel: Die Welt ist also wieder in Ordnung.

 

 

2. Kapitel

 

"Sie sind viel zu altmodisch, Herr Clown!"

 

Direktor Broomsbeutel Junior blickte kurz vom Monitor seines Laptops auf, bevor er weitersprach: "Ihre Nummer, meine ich. Alles noch Handarbeit. Interessiert doch heute keinen mehr. Verstehen Sie?"

 

Der Clown stand vor dem Schreibtisch seines Chefs, blickte ihn aus freundlichen Augen an und verstand überhaupt nichts.

 

   "Nun stellen Sie sich nicht so schwerfällig an!", fuhr Broomsbeutel Junior verärgert fort. "Überall in meinem Zirkus hält die Technik Einzug. Nur bei Ihnen nicht."

 

Keiner, der etwas von Clowns versteht, würde behaupten, sie wären dumm. Etwas schwerfällig vielleicht. Dafür wiederum haben sie ein freundliches Gemüt und einen festen Blick.

 

Und eben diesem letzteren ausgesetzt, fühlte der Zirkusdirektor sich nun getrieben, weitere Erklärungen abzugeben:
   "Nehmen Sie zum Beispiel meine Raubtiere. Die werden durch vollelektronische Sicherheits-schleusen, die sich mittels Lichtschranken öffnen und schließen lassen, von ihren Käfigen in die Manege und wieder zurück geleitet. Ihr Fressen stellt der Computer zusammen."

 

Das schien auch der Clown famos zu finden, denn er setzte zu einem breiten Grinsen an.

 

Sein Chef fuhr derweil den Laptop herunter. Die Erklärungen, zu denen er sich genötigt sah, bedurften höchster Konzentration. Und wie das Untier, das erst einmal entwichen, nur schwer wieder einzufangen ist, faselte er sich in einen wahren Redeschwall hinein:

 

   "Oder meine Hochseilartisten! Kein Mensch würde denen mehr zuschauen, wenn die noch zu Fuß übers Seil gingen. Mit dem Motorrad kurven die da oben in der Zirkuskuppel herum. Meine Eintrittskarten werden online ausgegeben und abgerechnet. In der Pause bedienen sich die Leute an Popcorn-und Limo-Automaten. - Bloß Sie, Herr Clown, Sie machen immer noch alles selber. Sie klettern noch selbst auf Stühle und Leitern, anstatt das einen Roboter tun zu lassen. Auch schlagen Sie noch selbst das Tamburin. Wenn Sie wenigstens ein Keyboard hätten...! Kurz gesagt, Herr Clown, Sie sind von gestern. Sie passen nicht mehr in diese Zeit. Auf Wiedersehen!"

 

Damit schaltete Broomsbeutel junior den Laptop wieder an, widmete sich ausschließlich diesem, und als wäre sie gleichzeitig mit angeschaltet worden, trat Fräulein Karpinkel ein und überreichte dem Clown einen Briefumschlag:
   "Ihre Papiere, bitte!"

 

Nun sind Clownsgehirne nicht für solche Art von Veranstaltungen geschaffen. Sie reagieren blitzschnell, wenn es darum geht, einen Tischtennisball mit dem Mund aufzufangen, um ihn dann in einen fünf Meter entfernten Eimer zu spucken. Oder so hinzufallen, dass es ungeschickt aussieht, in Wahrheit aber eines langen Trainings bedarf und einer virtuosen Körperbeherrschung.

 

Quälend langsam aber kommt eine Reaktion zustande auf Sätze wie: „...passen nicht mehr in diese Zeit...sind von gestern...Ihre Papiere, bitte.“

 

Dazu fiel dem Clown, dem schon vorher zu all dem nichts eingefallen war, nun überhaupt nichts mehr ein,- außer einem gewaltigen Rülpser, der wirklich nicht böse gemeint war, sondern nur das Ergebnis eines Kurzschlusses im Denkapparat. Aber grade in solchen Augenblicken zeigt sich die

 

Qualität einer perfekten Chefsekretärin. Denn das daraufhin eingetretene peinliche Schweigen unterbrach sie mit der dringenden Aufforderung:

 

   "Herr Direktor Broomsbeutel. Sie werden dringend erwartet. Die ersten Digitalschimpansen sind soeben eingetroffen."

 

   "Die ersten was...?", fragte der Clown interessiert.

 

Anscheinend reagierten die zuständigen Schaltkreise in seinem Oberstübchen erleichtert, auf den plötzlichen Themenwechsel. Ebenso, wie Broomsbeutel Junior, der nun Gelegenheit nahm, dieser unangenehmen Situation zu entfliehen

 

   "Die Digitalschimpansen, Herr Clown!", wandte er sich, schon im Türrahmen stehend, noch einmal um: " Noch nie was davon gehört? Die sind der neueste Schrei. Die Digitalschimpansen braucht man nicht mehr zu dressieren. Man programmiert ihnen die verschiedenen Kunststücke ein und fertig. Außerdem spart man die Futterkosten. Denn einmal in der Woche gibt es eine High-Tech-Batteriebanane zu fressen und schon sind sie wieder aufgeladen. Toll was! - Also, auf Wiedersehen, Herr Clown. Es hat mich sehr gefreut."

 

Den Bruchteil einer Sekunde später waren er und Fräulein Karpinkel verschwunden. Der Clown stand allein im Direktionsbüro. Allein, mit dem Laptop, ihm gegenüber auf dem Schreibtisch. Und dieser fing jetzt auch noch an zu piepen. Fast flehend klang es.

 

Es verlangt ihm wohl nach jemandem, der etwas in ihn hineintippt, dachte der Clown. So trat er um den Tisch herum und tippte, mit lang ausgestrecktem Zeigefinger das Wort: "Hallo", in das Gerät, das sogleich auf dem Bildschirm erschien. Augenblicklich verstummte die Maschine, und zwar ganz dankbar und zufrieden. So jedenfalls, schien es dem Clown..

 

 

 

3. Kapitel

 

Ganz langsam ging der Clown über den dunklen Zirkusplatz. Was hatte er da eben eigentlich erlebt? Was sollte das alles? - Begreifen konnte er es immer noch nicht. Aber, dass sich sein Leben von Stund’ an gründlich verändern sollte, war schon einleuchtend. Ihm entgegen kamen der Zauberer Peppino und das reizende Fräulein Clarissa

 

"Wie geht's?", grüßte Peppino freundlich wie immer. Und ob er nicht Lust hätte noch auf einen Milchkaffee mit zu ihnen, in ihren Wohnwagen, zu kommen.

 

"Besser ein anderes Mal.", antwortete der Clown, seine Traurigkeit gekonnt unterdrückend   (Berufsroutine), aber ihm wäre heute Abend nicht so ganz wohl. „Das muss am Wetter liegen“, warf Clarissa noch charmant ein, und dem Clown ging trotz seiner Sorgen mal wieder das Herz auf. Bei so einem Wetter, nicht ganz kalt, nicht ganz warm, da fühle sie sich auch immer wie ein halber Mensch.

 

"Kunststück!", rief der Clown den beiden noch hinterher, während er sich wieder auf den Weg machte. "Wenn man jeden Tag zersägt wird."

 

Er hörte noch beider in der Dunkelheit verfliegendes Lachen, besonders natürlich das reizende Kichern des noch reizenderen Fräulein Clarissa.

 

 

 

4. Kapitel

 

"Aber deswegen ist das Leben ja nicht zu Ende.", sprach fürsorglich Alexander zu seinem Freund und schlürfte dabei einen Schluck Tee.

 

Dem Clown aber war schlicht zum Heulen zumute:

 

"Was soll ich denn tun? Ich habe nichts anderes gelernt, als Clown. Ich kann nichts anderes."

 

"Du musst eben umschulen", ratschlagte Alexander.

 

"Umschulen? - Wie macht man das?", fragte daraufhin der Clown, der bisher noch nicht einmal geschult hatte, geschweige denn umgeschult.

 

"Du gehst zum Arbeitsamt. Die beraten dich da.", kam als knappe und präzise Antwort.

 

Zum Arbeitsamt? Was sollte er beim Arbeitsamt? Er stammte aus einer uralten Clownsfamilie. Immer schon waren sie Clowns, schon als solche auf die Welt gekommen, mit der Knubbelnase, den roten Wangen, der Glatze, dem Haarkranz und den riesigen Füßen, die man nun mal braucht, um in den übergroßen Clownsschuhen herumlaufen zu können.

 

"Nun stell dich nicht so an!", ermahnte Alexander. "Heutzutage muss man flexibel sein. Nur so bringt man's zu was, im Leben."

 

"Und du?", fragte der Clown, der langsam mal wieder genug hatte, von Alexanders ewigen Besserwissereien. "Du bist doch heute selber rausgeflogen und ersetzt worden, von diesen Digitalschimpansen!"

 

Die Antwort kostete Alexander nur ein müdes Lächeln:

 

"Der Job hier hat mich noch nie besonders gereizt. War einfach unter meinem Niveau. Und überhaupt zog es mich immer schon mehr zur Philosophie hin.“

 

Ja. Ja. Wenn Alexander wollte, konnte er verdammt arrogant sein. Aber schließlich stellte er auch etwas dar, - eine Persönlichkeit, und im Grunde war der Clown richtig stolz darauf, so einen zum Freund zu haben.

 

Alexander von Pnoschitz, aus der Familie derer von Pnoschitz zu Pnoschitz zu Uckermünde, dessen Urururgroßvater im kongolesischen Dschungel von Siegismund Ernst Baron von Pnoschitz, dem Leibwildhüter von Kaiser Wilhelm I persönlich gefangen, oder kultivierter gesagt, rekrutiert und später sogar in dessen Familie aufgenommen wurde, dessen Ururgroßvater wiederum, im Auftrage der Generalität als Kundschafter feindliche Linien ausspähte, dessen Urgroßvater dann, zum großen Erstaunen der damaligen gesamten Öffentlichkeit, den Militärdienst ausschlug, um stattdessen eine künstlerische Laufbahn einzuschlagen und der damals berühmtesten Affendressurnummer der Welt, den "Fabulous Talking Monkeys" beitrat.

 

Genau diesem Zweig entstammte, in grader Linie, eben jener Alexander, der jetzt am kleinen runden Tisch, im Clownswohnwagen saß und Tee trank. Was will man sonst noch dazu sagen? Von diesem Ruhm zehrte er. Auch wenn er mittlerweile etwas blasser geworden war. Der Ruhm natürlich. Nicht Alexander, der sich grade nachschenkte und eines von den Biskuits nahm, die der Clown, während eines Englandaufenthaltes des Zirkus Bonfetti, von einem Kollegen geschenkt bekommen hatte. Er trug sein lila Fräckchen, das er auch immer zur Vorstellung anhatte. Die von Pnoschitz waren in solchen Dingen stets sehr akkurat. Der Zylinder, in der gleichen Farbe hing an der Garderobe, und das elegante Spazierstöckchen mit dem silbernen Knauf, lehnte am Stuhl, in dem Alexander saß, wie immer elegant und völlig entspannt.

 

"Es würde mich reizen zu unterrichten. Etwas von meiner Bildung an die Nachwelt weiter-zureichen. Kinder bedürfen fähiger pädagogischer Anleitung, speziell in den elementaren Dingen des Lebens. Ja, mein Freund, ich glaube, ich werde mich in Zukunft der Erziehung der Jugend annehmen.", sagte Alexander, während er sich sieben Stücke Zucker in seinen Tee rührte und drei weitere einfach so herunterschluckte.

 

"Und was willst du unterrichten?", fragte der Clown.

 

"Na, was wohl!" Alexander tat mal wieder so, als wäre sein Freund nicht in der Lage, die einfachsten Dinge zu begreifen. "Mundharmonika spielen natürlich!"

 

"Das ist bestimmt ein schöner Beruf, Mundharmonikalehrer", sagte der Clown voller Bewunderung. "Ich wünschte, ich hätte auch ein solches Ziel vor Augen."

 

"Ein Ziel ist wichtig. Ohne Ziel bist du wie eine Eule ohne Anker."

 

Wie eine Eule ohne Anker! Das war wieder einer von diesen Sätzen, deretwegen der Clown Alexander insgeheim bewunderte. So geistreich, so geschliffen, so...na, so eben. Verstanden hatte er zwar mal wieder nichts. Wie meistens, wenn Alexander so ganz nebenbei was philosophisches fallenließ. Das wurmte ihn natürlich. Und jedesmal fasste er von neuem den Entschluss, sich mehr mit Philosophie zu befassen, um auch solch kluge Sachen sagen zu können. Und jedesmal hatte er diesen Entschluss schon eine Minute später wieder vergessen.

 

"Also gut! Beschlossen!", verkündete der Clown. "Morgen früh gehe ich zum Arbeitsamt und lasse mich umschulen. Denn eine Eule braucht nun mal einen Anker, auf den sie sich stützen kann."

 

"Nicht übel, mein Lieber!", lobte Alexander. "Wenn du so weitermachst, eröffnen wir bald unseren ersten philosophischen Disput."

 

Dabei schlug er einen Salto rückwärts, über die Stuhllehne, hangelte sich an der Stehlampe über die Kommode hinweg zum Nachtschränkchen, öffnete mit einem Fuß die mittlere Schublade und entnahm ihr eine Schachtel kandierter Früchten, die ein Toi Toi Toi eines Clownskollegen aus Nizza waren, anlässlich eines dortigen Gastspieles.

 

"Das muss gefeiert werden!", spöttelte er in seinem typischen ironischen Tonfall, nachdem er auf demselben Wege wieder in seinem Stuhl gelandet war und nun die Schachtel geschickt mit den Zehen öffnete.

 

"Hast Du nicht noch eine Flasche von der köstlichen französischen Bananenbrause im Spind?"

 

"Und einen großen Sack Kokosplunder dazu!", stimmte der Clown ein und fühlte, wie ihn Alexanders Anwesenheit doch ein wenig leichter ums Herz werden ließ. Da ist schon was dran, an dem Satz, dachte er: Geteiltes Leid,- halbes Leid.

 

 

5. Kapitel

 

Die beiden Freunde feierten die Nacht hindurch. Man schwelgte in alten Erinnerungen, ließ sich gegenseitig hochleben, und nachdem beide die Bananenbrause bis auf den letzten Tropfen geleert hatten, fand sich im Requisitenkoffer, unter dem Kletterseil und neben der verbeulten Trompete noch eine halbe Flasche hochprozentiger, stark gezuckerter Maislikör. Der verlieh den alten, schon oft gegenseitig vorgetragenen Zirkusanekdoten mal wieder neuen Schwung.

 

Als der Morgen graute überfiel beide eine leichte Müdigkeit. Der Gesprächsstoff ging zur Neige, ebenso der Maislikör. Alexander trank grade den letzten Schluck. Und während er danach einen langen, ausgiebigen Gähner tat, schlang er sich behaglich die Beine hinter seinen Hals, der Entspannung wegen. Dem Clown war ein bisschen schlecht. Also öffnete er das Fenster, um frische Luft zu schnappen.

 

"Merkwürdig", wunderte er sich. "Schon so früh am Morgen ein solches Treiben auf dem Zirkusplatz.

 

"Die beginnen mit dem Abbauuuu und dem Verlaaaaden. Heute zieht der Zirkus ja weiter, nach Brooombeeerg.

 

Im Hintergrund gähnte Alexander ausgiebig und ausdauernd. Deshalb dehnte er die Vokale fast endlos in die Länge.

 

Ein Dutzend Arbeiter löste die Verspannungen rund um das Zirkuszelt. Die Spitze hing schon ziemlich schlaff herunter. Gleich würde die Plane in sich zusammenfallen und konnte auf einen der bereitstehenden LKW verladen werden. Zwei Zugmaschinen fuhren bereits mit dahinter hängenden Wohnwagen Richtung Güterbahnhof, wo der Sonderzug auf die Verladung des Zirkus wartete. Grade rollte die schwere, schwarze Limousine mit Direktor Broomsbeutel junior im Fond vorbei.

 

"Ich fürchte, wir beide ziehen nicht mit nach Bromberg.", sagte der Clown nach hinten zu Alexander und musste zweimal kräftig schlucken. Traurig wandte er den Kopf nach rechts und links. Vielleicht tauchte im nächsten Moment ja doch noch eine Zugmaschine auf, die sich vor seinen Wohnwagen hängt, um ihn in Richtung Bahnhof zu ziehen.

 

Aber, da tat sich nichts. Also stellte er die leeren Gläser und Flaschen auf die Anrichte neben der Spüle, zog die Decke vom Tisch, öffnete das Fenster und schüttelte die Reste vom Kokosplunder ins Freie. Als er, um das Fenster zu schließen, noch einmal nach draußen blickte, wurde grade der Wagen von Peppino und dem reizenden Fräulein Clarissa vorbeigezogen. Clarissa stand wie er am geöffneten Fenster ihres Wohnwagens und winkte ihm mit einem großen, seidenen Taschentuch zu. - Oder schüttelte sie nur ihre Tischdecke aus? Da war sich der Clown leider, - gottseidank - nicht ganz sicher.

 

"Wenn du schon zum Arbeitsamt gehst, dann frag gleich auch für mich nach!"

 

Alexander hatte sich auf dem Sessel ganz zusammengerollt und gab letzte Instruktionen, vor dem Einschlafen.

 

"Was soll ich fragen?", fragte der Clown zurück, während er die Tischdecke über Alexander ausbreitete, um ihn zuzudecken.

 

"Du sollst fragen wie die Chancen für mich, auf dem Arbeitsmarkt stehen. Sag Ihnen, ich wäre gelernter Artist aber umständehalber jetzt auch bereit einen Lehrstuhl für philosophisches Mund-harmonikaspiel an einer renomierten Universität anzunehmen."

 

"Ich kann's versuchen.", antwortete der Clown.

 

"Wichtig ist eine gesunde Ernährung und ausreichend Schlaf. Der Rest kommt dann von ganz alleine.", verkündete Alexander noch einmal aufgähnend. Dann wünschte er seinem Freund viel Glück, drehte sich um und schnarchte leise vor sich hin.

 

Glück kann man immer gebrauchen, dachte der Clown mal wieder bei sich - und viel besonders.

 

Dann machte er sich auf den Weg.

 

 

 

6. Kapitel

 

Als der Clown in der Innenstadt ankam, sah er zum ersten Mal die vielen Geschäfte aus der Nähe. Bisher waren sie immer nur an ihm vorbeigerauscht, wenn er, im Artistenbus von der Autobahn durch die City, dieser oder einer anderen Stadt fuhr, um in einen der Außenbezirke zu gelangen, in dem der Zirkus Bonfetti sein Zelt aufschlug. Danach brauchte er den Zirkusplatz eigentlich nicht mehr zu verlassen. Denn hier bekam er alles, was er zum Leben brauchte. Hier fühlte er sich zu Hause. Und hier wollte er sowieso nie wieder weg. Aber, das war ja nun Schnee von gestern.

 

Ein netter Trick, den der Jongleur da vor dem großen Kaufhaus mit seinen vier Bällen vollführt, dachte der Clown und ging näher auf diesen zu. Bestimmt fünfzig Leute standen im Kreis, in deren Mitte der junge Mann seine Kunststücke vollführte. Alle Augenblicke wurde applaudiert, und einige Münzen landeten im Hut, der vor ihm lag.

 

Um dem Kollegen zuzuschauen drängte der Clown sich in die Menschenmenge hinein. Auf einmal merkte er, wie die Leute vor ihm zurückwichen und um ihn herum einen neuen Kreis bildeten. Und plötzlich fingen alle an zu klatschen, wie die Zuschauer im Zirkus es taten, wenn sein Auftritt beendet war. Dabei hatte er gar nichts gemacht. Es hatte einfach nur dagestanden.

 

"Das ist aber ein lustiges Kostüm!", kicherte ein kleines Mädchen neben ihm.

 

Der Clown drehte sich zu ihm um, spannte mit den Daumen seine bunten Hosenträger, wie zwei Flitzebogen, ließ sie wieder zurück auf seine Brust schnalzen und erklärte:

 

"Das ist kein Kostüm! Jedenfalls nicht nur. Das ist meine Clownstracht. Die habe ich immer an. Ich bin auf dem Weg zum Arbeitsamt."

 

Als die Leute das hörten, bogen sie sich vor Lachen.

 

"Zum Arbeitsamt!" - "Das ist seine Clownstracht. Die hat er immer an.", grölten sie und warfen Münzen in den Hut des Jongleurs.

 

Als die Menge sich schließlich unter Gelächter verlaufen hatte, trat der Jongleur auf den Clown zu.

 

"Wir sollten uns zusammentun.", sagte er. "Ich jongliere und du stehst einfach herum und bringst die Leute zum Lachen. In einem Jahr sind wir stinkreich und gehen mit unserem Laden an die Börse. Was hälst du davon?"

 

Da sah ihn der Clown mit großen Augen an:

 

"Ich bin nicht gewohnt fürs Rumstehen bezahlt zu werden.", antwortete er. "Ich bin  jeden Abend auf dem Seil gelaufen, habe dabei mit der einen Hand einen Sonnenschirm gehalten und mit der anderen Trompete gespielt. Und jonglieren kann ich mit acht Bällen. Was soll ich da in der Menge rumstehen! Außerdem bin ich grade auf dem Weg zum Arbeitsamt, um mich umschulen zu lassen. Es tut mir also leid. Auf Wiedersehen!"

 

Damit ließ er den verdutzten Jongleur stehen, der ihm noch hinterherrief:

 

"Hey Kollege! Zwanzig Euro sind im Hut. Sagen wir, fünf davon gehören dir!"

 

Aber ich habe nichts dafür getan, dachte der Clown, ohne sich nochmal umzudrehen und bog um die nächste Straßenecke.

 

Hier standen merkwürdige Gestalten auf dem Pflaster herum, mit blauen und grünen Haaren, die die Form hatten, von Zahnbürstenborsten, bloß eben viel länger. Ein paar von ihnen trugen Hosen, die mehr aus Löchern als aus Stoff bestanden, alte speckige Lederjacken, und jeder hatte eine Bierdose in der Hand.

 

"Ey Alter, biste neu hier?", rülpste ein langer Schmaler, mit einer in die Stirn, eintätowierten Bierflasche. Dabei schlug er dem Clown mit aller Gewalt freundschaftlich auf die Schulter.

 

"Ziemlich neu.", druckste der erschrocken herum.

 

Ein glatzköpfiges, dickes, betrunkenes Mädchen torkelte auf ihn zu und lallte:

 

"Die Klamotten, wo hast'n die her, ey? Aus der Papageienhandlung, oder was?"
Der Clown konnte ihr grade noch ausweichen. Und während das Mädchen statt gegen ihn, gegen ein Verkehrsschild prallte und langsam an ihm herunterglitt, fragte er den Rest der Truppe:

 

"Wisst ihr, wo's hier zum Arbeitsamt geht?"

 

Für einen Moment herrschte totales Schweigen. Aber auf einmal kreischte die Menge vor Lachen los, hielt sich die Bäuche, trat sich gegenseitig in den Hintern, und ein kleiner Drecklappen mit Irokesenschnitt und einer Sicherheitsnadel durch die Nase grölte am lautesten:

 

"Det weß ick nich ma, wie man dit schreibt. - Abetsamt! Da mach ma imma 'nen jroßen Bo'n drum! Verstehste?"

 

Dabei wurde er von dem langen Schmalen, mit der Bierflasche in der Stirn so liebevoll im Schwitzkasten gehalten, dass er fast keine Luft mehr bekam. Und während das dicke, betrunkene Mädchen mit der Glatze, versuchte sich wieder am Verkehrschild hoch zu hangeln, lallte sie:
"So 'ne Schlabberhose will ich auch ham."

 

"U..u..und d..d..die Sch..sch..schuhe! D..d..die Schu..he!", stotterte ein anderer, der grade aus einem Hauseingang kam und seinen Hosenschlitz zumachte.

 

"Also, nichts für ungut.", empfahl sich der Clown, dem das ganze Getue zu albern war. "Ich muss zum Arbeitsamt."

 

Und wieder bekam der kleine Drecklappen einen hysterischen Lachanfall und röchelte:
"Der hört ja jar nich mehr uff mit Abetsamt!"

 

Wohl um ihm eine Freude zu machen, bekam er von dem Stotterer daraufhin einen gewaltigen Tritt in den Hintern, woraufhin Drecklappens Lache noch lauter wurde.

 

"Trink erst mal 'nen Schluck!", lud der mit der Bierflaschenstirn ein. Der Clown wollte nicht unhöflich sein. Aber Clowns sind nun mal naturbreit, also schon mit einem leichten Schwips auf die Welt gekommen. Deswegen werden sie sowieso ihr ganzes Leben nicht ganz nüchtern und benötigen folglich keinen Alkohol. Er wirkt sich gradezu negativ auf ihr Befinden aus. Je mehr sie davon trinken, desto klarer sehen sie die Welt. Daher winkte der Clown freundlich ab und wollte seiner Wege gehen.

 

"Lll..aß iiihn! D..d..er hhhaaat eeeben k..k..keinen Huuumor!", kommandierte der Stotterer, der wohl der Chef der Truppe war. Und das dicke, glatzköpfige, betrunkene Mädchen, es hatte grade geschafft wieder auf die Beine zu kommen, lehnte schwankend mit dem Rücken am Verkehrsschild und lallte hinzu:
"Lachen ist gesund. Lach, und du hast mehr vom Leben!"

 

Dabei knickten ihr die Beine weg. Sie rutschte mit dem Rücken die Stange entlang, wieder nach unten, kippte dort angelangt seitlich weg und schlug mit dem Hinterkopf auf das Pflaster, wodurch sie vollends das Bewusstsein verlor.

 

"Schschsch..eiße! Nnnich..sch..sch..schon...wwwieder.", stotterte der Stotterer genervt, woraufhin der Drecklappen in die Bäckerei hineinrannte und die Verkäuferinnen anbrüllte:

 

"Ey, ihr Penna, ruft ma'n Krankenwa'n! Tusnelda is wieda uff de Fresse jefall'n!"

 

Ansonsten ließ man sich von dem kleinen Zwischenfall nicht weiter aus der Ruhe bringen. Der Stotterer öffnete eine neue Dose Bier und trat dabei dem Drecklappen in den Hintern, woraufhin der zu lachen anfing. Derweil nahm der bierflaschenbestirnte den Clown zur Seite und flüsterte ihm ins Ohr:

 

"Wenn du mal wieder schlecht d'rauf bist, kommst'e einfach hier bei uns vorbei. Hier ist immer was los. Stimmung, Lachen, Tralala...!"

 

Sorgenvoll blickte der Clown auf das dicke, glatzköpfige, betrunkene und derzeit ohnmächtige Mädchen, inständig hoffend, jeden Moment das Martinshorn eines Krankenwagens zu hören. In diesem Augenblick wünschte er sich nichts sehnlicher, als einer zu sein, der besser in diese Zeit passt, der sich mit all dem Kram auskennt, mit den Maschinen, den Computern. Und der nicht durch die Stadt, mit ihrem ganzen Elend laufen muss, um umzuschulen. Und vor allen Dingen keiner zu sein, der von gestern ist, der die Seifenblasen noch selber macht und keinen Roboter hat, der auf Stühle steigt und das Tamburin schlägt, wo doch alle Löwen sich selbst an den Limo-automaten Popcorn holen und die Eintrittskarten mit dem Motorrad abgerechnet werden und die Hochseilartisten ihr Futter von einem Synthesizer zusammengestellt bekommen.

 

Bei all diesen Gedanken blieb dem Clown nichts weiter übrig, als sein riesiges Clownstaschentuch aus der Hosentasche zu ziehen und hinein zu schneutzen. Danach ging er weiter.

 

 

7. Kapitel

 

"Wissen Sie, wo's hier zum Arbeitsamt geht?", fragte er das Paar an der nächsten Straßenecke.

 

"Gott liebt dich.", antwortete leise die Frau, die ein Heft in der Hand hielt. Und der Mann neben ihr, fügte genauso leise hinzu:" Lenke deine Schritte zu ihm. Er wartet auf dich."

 

"Das will ich gerne tun. Nur, zuerst muss ich zum Arbeitsamt.". Der Clown wollte schon weitergehen. Die Frau hielt ihn aber sanft bestimmend am Ärmel fest:
"Zuerst, lieber Freund, sorge dich um dein Seelenheil. Alles andere ist unwichtig."

 

Schade, dachte der Clown, dass ich zum Arbeitsamt muss. Und das Alexander nicht hier ist. Er wäre der richtige Gesprächspartner für die beiden. Wirklich Schade! -  So befreite er sich sanft und bestimmend aus dem Haltegriff, um weiterzugehen.

 

"Gott liebt dich, wie du bist!", sagte der Mann und stellte sich ihm halb in den Weg, so dass er erneut stehen bleiben musste.

 

"Das ist ja schön", sagte der Clown. "Aber zur Zeit bin ich nichts. Deshalb gehe ich ja zum Arbeitsamt, um mich umschulen zu lassen."

 

Die Frau trat jetzt hinter ihn, legte ihm die Hand auf die Schulter und flüsterte fast zärtlich zu seinem Hinterkopf:

 

"Erst lies das Heft! Dann bist du umgeschult."

 

"Lassen Sie mal sehen!", rief er erfreut. "Vielleicht kann ich mir ja dann diesen blödsinnigen Gang zu Arbeitsamt sparen. War ja eh mehr Alexanders Idee."

 

Der Mann und die Frau sahen sich kurz an, rückten noch einen Schritt näher heran und sagten fast gleichzeitig:

 

"Wann haben Sie denn Zeit? Wir würden gerne erst einmal mit Ihnen über den Inhalt des Heftes reden."

 

Reden ist gut. Von dieser Idee war der Clown sehr angetan. Vielleicht, wenn er sie darum bäte, könnten die beiden ja zu ihm nach Hause kommen und mit Alexander reden. Er würde derweil in dem Umschulungsheft lesen. So wäre für jeden gesorgt.

 

"Wie wäre es mit morgen?“, sagte der Clown und gab den beiden seine Adresse. Damit hatte sich alles in Wohlgefallen aufgelöst, wie er fand. Also ging er um die nächste Ecke und las das Schild, das da genau vor ihm und einem großen Gebäude stand. "ARBEITSAMT"

 

Man sollte nicht so viel suchen, mehr finden, kam es ihm in den Sinn. Und jetzt, wo er schon mal da war, ging er auch hinein.

 

 

 

8. Kapitel

 

"Entschuldigen Sie bitte! Wo kann man sich hier umschulen lassen?"

 

Der Mann, an den die Frage gerichtet war und der dem Clown in der Eingangshalle des Arbeitsamtes entgegenkam, sah aus wie ein Koch. Denn er trug eine karierte Hose, eine weiße Jacke, eine Kochmütze und in der Hand einen Kochlöffel.

 

"Zweite Etage", antwortete der Mann eilig, schritt weiter Richtung Ausgang, drehte sich kurz davor aber nochmal um und fragte aus einiger Entfernung den Clown, der ihm nachgeblickt hatte:

 

"Wissen Sie, wo ich ein Kochbuch für andorranische Fischgerichte kaufen kann?"

 

"Nein", antwortete der Clown.

 

"Schade!", sagte der Koch. "Andorranische Fischgerichte wären eine Marktlücke, hat der Berater zu mir gesagt. - Und zwar nur zu mir! - Alle anderen haben es nicht mitbekommen. Es wäre lohnend, sich darauf zu spezialisieren."

 

"Aha!", sagte der Clown. Denn das wusste er noch nicht.

 

Der Koch kam wieder einige Meter auf ihn zu, blickte sich noch zwei, dreimal ängstlich um und flüsterte dann geheimnisvoll:
"Ich bis eben auch nicht. Aber jetzt habe ich einen Vorsprung."

 

Plötzlich aber, als hätte ihn eine schlimme Panik befallen, brach es aus ihm heraus:

 

"Sie sind doch hoffentlich kein Koch, oder?", fragte er um Verzweiflung ringend den Clown.

 

"Nein", antwortete der. "Ich bin kein Koch." Und fast hätte der schwere Stein, der dem Koch vom Herzen fiel, einen Riss im Behördenlinoleum verursacht.

 

"Na, Gott sei Dank!", stöhnte er erleichtert auf. "Ich fürchtete schon, ich hätte grade das wichtigste Geheimnis meines Lebens verraten."

 

Er blickte noch einmal skeptisch den Clown an, drehte sich dann aber wieselflink um und lief, wohl immer noch etwas misstrauisch, dem Ausgang zu. Währenddessen fand der Clown seine Treppe und stieg sie hinauf, zur zweiten Etage. Ihm entgegen kam eine Fußballspielerin. Unter dem Arm trug sie   (Na, was wohl!?)   einen Fußball.

 

Sie weiß bestimmt wie's weitergeht, dachte der Clown. Also sprach er sie an:

 

"Entschuldigen Sie, wissen Sie, wo ich..."

 

Weiter kam er nicht. Denn die Fußballspielerin erschrak so sehr darüber, einen Clown im Arbeitsamt zu treffen, dass der Ball ihr unter dem Arm herausflutschte und die Stufen hinuntertitschte. Um ihn wieder einzuholen, sprang die Frau hinterher, drei Stufen auf einmal nehmend, da er offensichtlich wichtig war für sie. Unten am Treppenabsatz angekommen, hatte sie ihn endlich wieder unter Kontrolle. Dieses Malheur sollte ihr nie - nie wieder passieren. Also klemmte sie das Leder fest, wie in einem Schraubstock, unter den Achseln fest und blickte durch den Treppenschacht noch einmal die zwei Etagen hoch, die der Clown gleichfalls zu ihr hinunterblickte:

 

"Hinten links um die Ecke, und dann mit dem Aufzug wieder in den Keller.", keuchte sie ziemlich außer Atem, jedenfalls für eine Fußballspielerin. "Und nichts für ungut."

 

Offensichtlich war ihr der Vorfall peinlich. Möglicherweise konnte er ihrer jungen Karriere etwas anhaben? Um dies ganz sicher auszuschließen, fragte sie deshalb vorsichtig die zwei Stockwerke hinauf: "Sie sind nicht zufällig ein Fußballtrainer" - Oder?"

 

"Nein. Nein.", rief der Clown ihr noch Danke winkend ins Parterre zu. Dann ging er links nach hinten um die Ecke und stieg in den brechend vollen Aufzug, in dem Leute in verschiedenster Berufskleidung standen: Schornsteinfeger, Pastoren, Feuerwehrleute, und so weiter und so weiter. Im Keller angekommen, drängelten sich alle an ihm vorbei nach draußen. Als der Clown endlich auch aussteigen konnte, kam ihm ein Sträfling im gestreiften Gefängnisanzug und Handschellen entgegen, der von zwei Polizisten eskortiert wurde. Und da er nun am Beginn eines scheinbar endlosen Ganges stand, zu dessen beiden Seiten  sich eine ebenfalls scheinbar endlose Anzahl von Türen hinzog, setzte er wieder an, nach dem Weg zu fragen.

 

"Immer gradeaus, die Treppe hoch, in die zweite Etage. Zimmer 16.953. Aber lassen Sie sich nicht so 'nen Quatsch andrehen wie ich.", antwortete der Sträfling, die Frage vorausahnend. Irgendwie lag Verärgerung und Enttäuschung in seiner Stimme. Die Polizisten hingegen, die nun mit ihm in den Aufzug stiegen, wirkten fröhlich und entspannt:

 

"Also, ich bin ganz zufrieden.", murmelte der eine. "Ja. Ja. ich auch." , der andere, obwohl auch sie keiner danach gefragt hatte.

 

Nachdem der Clown nun über zwei gewaltige Treppen wieder ins Erdgeschoss gelangt war und von dort wieder in die zweite Etage, fand er, etwas erschöpft, nach einer guten halben Stunde weiterer Suche endlich Zimmer 16.953. Hier warteten allerdings auch schon andere Leute. Direkt mit seiner  Nase an der Tür stand ein Mann in Försterkleidung, also grüner Uniformlodenjacke, ebensolcher Hose, schweren Lederstiefeln, Filzhut und einem Gewehr auf dem Rücken. Neben ihm kauerte ergeben ein Dackel an einer Leine, deren anderes Ende in einer großen Schlaufe mündete, die sein Herrchen sich um den Bauch geschlungen hatte.

 

Die junge Dame hinter dem Förster, in weißer Rüschenbluse, dazu passendem schwarzem Rock, schicken Nylons und spitzen hochhackigen Pumps, auf deren Stupsnase eine Brille mit kleinen, runden Gläsern saß, hielt in der Hand einen Schreibblock und einen Bleistift. Solche Utensilien hatte der Clown schon bei Fräulein Karpinkel gesehen. Daraus schloss er nun messerscharf, bei der jungen Dame müsse es sich auch um eine Sekretärin handeln. Über die Frau dahinter erschrak er aber nun sehr. Denn in ihren, man muss schon sagen, Pranken blitzte ein scharfes Schlachtermesser auf, von dessen Klinge in regelmäßigen Abständen Blutstropfen auf den Amtsboden tropften. Als ihm aber über dem Messer, dem kräftigen, runden Leib, der in einem weiten, ärmellosen, rosafarbenen Kittel verpackt war und dem sich mächtig hervor wölbendem Busen, ihr freundliches, sanftes Gesicht auffiel, wich der Schreck ganz von selbst wieder.

 

Nur eine Metzgersfrau atmete er erleichtert auf und lenkte seinen Blick auf den letzten in der Reihe. Auf einen Cowboy! Einen richtigen Cowboy, mit allem, was zu einem richtigen Cowboy dazugehört: Hut, Pistole, speckige, ausgebleichte Jeans, Cowboystiefel mit Sporen, Lederweste, einem Lasso über der Schulter...- Nur das Pferd fehlte. Das muss bestimmt draußen warten, im Gegensatz zu dem Försterdackel, überlegte der Clown. Sehr ungerecht, aber so lautet wohl die Vorschrift, entschied er dennoch, nach kurzer Überlegung, für sich. Denn Clowns sind so gerecht wie einsichtig.

 

 

 

9. Kapitel

 

"Guten Tag!", grüßte der Clown freundlich, ging an den Vieren vorbei und wollte an die Tür klopfen.

 

"Moment mal!", sagte da der Förster in schneidendem Försterton: " Wir waren aber vor Ihnen dran!" Und böse knurrte sein Dackel dazu.

 

"Sie müssen sich schon ganz hinten anstellen", mischte sich etwas schüchtern die Sekretärin ein.

 

Und triumphierend setzte die Metzgersfrau noch einen drauf: "Ja genau! Am Ende der Schlange."

 

Dem Clown fuhr es durch Mark und Bein.

 

"Der Schlange!?"

 

"Natürlich!", sagte der Cowboy. "Ich habe mich auch ganz hinten anstellen müssen. Und ich warte jetzt schon seit zwei Stunden."

 

Ängstlich und vorsichtig nach allen Seiten umherspähend, stellte der Clown sich hinter den Mann aus dem Westen und murmelte wieder und wieder vor sich hin: "Schlange! - Wie furchtbar! - Eine Schlange im Arbeitsamt!", oder so ähnlich.

 

Jetzt ging die Tür auf, vor des Försters Nase, und aus dem dahinterliegenden Zimmer trat auf den Amtsflur hinaus, ein Paar, also ein Mann und eine Frau. Er im eleganten Frack, sie im rauschenden schwarz-roten Abendkleid, mit langem Schleier.

 

Schlagartig ging ein Raunen und Flüstern durch die Reihe der Wartenden: "Wurde aber auch Zeit!" - "Kein Wunder, dass die so lange brauchen. Wie die jetzt aussehen." - "Als Penner rein. -Als Operettensänger wieder raus. So geht's beim Arbeitsamt!" Und so weiter.

 

Der Mann im Frack schloss die Tür hinter sich und seiner eleganten Begleiterin. Und nachdem beide gleichzeitig einmal kräftig eingeatmet hatten, schmetterten sie einen Ton aus ihrer jeweiligen Kehle, dass die Wände des Arbeitsamtes fast anfingen zu wackeln und der Clown sich die Ohren zuhielt.

 

Die Töne entwickelten sich aber zu einer Melodie und die wiederum zu einem Gesang, weil ein Text dabei war. "Heut gehen wir ins Maxime...", fing er an. Der Rest war leider nicht mehr zu verstehen, weil es in den Gängen des Arbeitsamtes so hallte und der Mann so tief sang und die Frau so hoch. - Auf jeden Fall, - nachdem beide fertiggesungen hatten, applaudierten alle vor der Tür Stehenden begeistert, auch der Clown. Denn grade er hatte ja einen Sinn für die Kultur. Die Sangeskünstler verbeugten sich und gingen ihrer Wege.

 

Gleich darauf leuchtete eine rote Lampe neben der Tür auf, die der Förster sogleich öffnete und  mit seinem Dackel hindurchging. Währenddessen drehte sich der Cowboy zum Clown um.

 

" Na endlich geht's weiter. Als ich kam reichte die Schlange bis auf die Straße.", bemerkte er mehr so beiläufig. Von neuem erschrak der Clown. Über dem Gesinge hatte er das mit der Schlange glatt vergessen.

 

"Bis auf die Straße! Das ist ja furchtbar!", stöhnte er und blickte sich erneut ängstlich nach allen Seiten um. Dabei traf sein Blick den Förster, der wieder aus der Tür trat. Allerdings war er kein Förster mehr. Statt Uniformjacke-und Hose hatte er plötzlich einen bayerischen Trachtenstrick-janker, krachlederne, kurze Lederhosen, dicke Strümpfe, die ihm bis zu den Knien reichten und klobige Bergschuhe an. Auf dem Rücken trug er keinen Schießprügel mehr, sondern einen dicken, vollbepackten Rucksack, in dessen Riemen eine Spitzhacke steckte. Dazu, ein aufgerolltes Kletterseil, um die Schultern. Der Dackel hatte sich nicht verändert. Nur baumelte jetzt um seinen Hals ein kleines Fässchen, wie es auch die Bernhardinerhunde tragen, vor allem auf alten Bildern und Werbefotos. Das Fässchen des Dackels war natürlich dementsprechend kleiner. Wortlos, aber mit zufriedenem Gesicht ging der Förster, der nun ein Bergführer war, an den anderen vorbei. Der Dackel, der immer noch ein Dackel war, auch. Den beiden noch hinterherblickend bedachte der Clown seine Lage schon etwas positiver. Und als er sich wieder umdrehte, blinkte das rote Licht auf. Sofort trat die Sekretärin ein, in das geheimnisvolle Zimmer.

 

Unbeeindruckt davon fuhr der Cowboy fort: " Ja. Ja. Am frühen Morgen ist sie am längsten. So gegen 1o Uhr nimmt sie dann etwas ab, und mittags wird sie wieder länger."

 

"Was! Wie? - Ach ja, die Schschschlange! Entsssssetzlich!", konnte der Clown nur stottern, so sehr steckte ihm der Schreck noch in den Gliedern. Und er beruhigte sich erst recht nicht, als eine Frau in grüner Uniform, aus besagter Tür, auf den Flur hinaustrat. Ihr Gesicht war schwarz angemalt. Aber, er konnte doch erkennen, dass es sich um die Sekretärin handeln musste. Denn sie trug noch die Brille mit den kleinen, runden Gläsern auf ihrer Stupsnase. Die Rüschenbluse, den dazu passenden schwarzen Rock, die schicken Nylons und die hochhackigen Pumps hatte sie allerdings eingetauscht, gegen eine khakifarbene Kampfuniform und schwere Stiefel. Auch hatte sie keinen Block und keinen Bleistift mehr in der Hand, sondern eine Maschinenpistole.

 

Die Metzgersfrau, der Cowboy und der Clown rückten näher an die Wand heran, als die, wohl zur Nahkampfspezialistin, umgeschulte Sekretärin an ihnen vorbeiging. Kurz vor der nächsten Ecke, an der sich der Behördenflur in mehrere Richtungen teilte, warf sie sich flach auf den Boden, robbte, die entsicherte MP im Anschlag, auf die Gabelung zu und spähte vorsichtig, in alle Richtungen, bevor sie geschickt wieder auf die Füße sprang, noch freundlich "Auf Wiedersehen" wünschte und eiligst verschwand.

 

Auch wenn ihn diese merkwürdigen "So rein und anders wieder raus" Geschichten wirklich interessierten, wünschte der Clown doch zuerst das Problem mit der Schlange gelöst zu haben.

 

So fragte er, während grade die Metzgersfrau durch die Tür ging und sie hinter sich schloss, den Cowboy: "Und? Ist sie giftig?"

 

"Wer?", fragte dieser zurück, als hätte er die Frage nicht verstanden.

 

"Na, die Schlange!", brach es aus dem Clown heraus. "Das hätte man mir doch sagen müssen, dass es im Arbeitsamt Schlangen gibt. Bei uns im Zirkus hatten wir zwar auch eine Schlange. Aber, die reichte nicht bis auf die Straße. Außerdem war sie schon ganz alt und hatte keine Zähne mehr."

 

Der Cowboy blickte ihn freundlich, vielleicht auch etwas mitleidig an und sagte ganz ruhig:

 

"Na, hören Sie mal. Ich rede von einer Schlange von Menschen. Verstehen Sie? Von vielen Menschen!"

 

In diesem Augenblick trat die Metzgersfrau wieder durch die Tür. Und der Clown blickte mittlerweile schon etwas gelangweilt, fast abgestumpft, auf ihr jetzt hochmodisches, wahrscheinlich maßgeschneidertes Kostüm. Unter ihrem Arm klemmte eine Aktentasche, weil sie keine Hand mehr frei hatte. Denn in der einen hielt sie eine dicke, qualmende Zigarre und in der anderen ein Handy, durch das sie grade wichtige, geschäftliche Entscheidungen traf:

 

"Wie hoch ist der Kurs, sagen Sie? 5.ooo? Okay! Verkaufen Sie! Was? Amerikanischer Kartoffelpuffer steigt! Sofort kaufen! 1oo.oo Stück! Und was ist mit German Leuchtschwamm? Wahnsinn! Alle Events drauf ausrichten. Das wird der große Knaller. Darauf hat die Menschheit gewartet."

 

Damit war das Telefonat fürs erste beendet und die ehemalige Metzgersfrau fast am Cowboy und am Clown vorbei.

 

"Ach, mein Lieber!", sprach sie Letzteren unerwartet noch einmal an. "Wissen Sie, was Leuchtschwämme sind?"

 

"Nein", antwortete der, wie immer wahrheitsgemäß.

 

"Damit kann man im Dunkeln baden!"

 

Die ehemalige Metzgersfrau war ganz aufgeregt.

 

"Mit diesem Produkt gehe ich an die Börse und schön nächste Woche bin ich reich. Wollen Sie nicht mit einsteigen? Das ist die Chance ihres Lebens."

 

"An sich bin ich ja ein Clown.", fiel dem Clown darauf nur zu sagen ein, woraufhin es der Metzgersfrau  entzückt durch den Kopf hindurch aus dem Mund schoss: "Clown! Cool! Eine Clownsaktie.“,  sie aber gleichzeitig stutzen ließ - „Was macht so ein Clown?"

 

"Zum Beispiel auf dem Seil laufen und dabei Trompete spielen...", holte der Clown grade zu einer weitschweifigen Erklärung aus, als jedoch das Handy der umgeschulten Metzgersfrau eine lustige Melodie spielte und Aufmerksamkeit einforderte. Sogleich wurde es einerseits zärtlich ans Ohr gehalten und andererseits brutal angebrüllt:  

 

"Was? Amerikanischer Kartoffelpuffer gefallen. Verkaufen Sie alles! Haben Sie mich verstanden? - Leuchtschwammnachfrage stagniert? - Erhöhen Sie den Werbeetat. Drehen Sie neue Spots!"

 

Mit hochrotem Kopf gelangte die neuberufene Börsenmaklerin schließlich zur Treppe ins Erd-geschoss, die sie energisch hinabstapfte, dem Ausgang und einer großen Karriere entgegen.

 

"Na, sehen Sie! Außer uns beiden ist gar keiner mehr da. Sie kommen gleich nach mir dran.",

 

sagte der Cowboy, der jetzt ganz dicht vor der Tür stand, seine Sehnsucht und den erwartungsvollen Blick ganz fest auf das erhoffte Aufleuchten der Glühbirne da an der Wand gerichtet, auf das Startsignal in ein neues, umgeschultes Leben.

 

"Wenn das rote Licht aufblinkt, darf man reingehen.", fügte er noch fiebernd hinzu.

 

Das war dem Clown mittlerweile auch klar, denn so langsam hatte er sich an das Durcheinander beim Arbeitsamt gewöhnt.

 

"Als was wollen Sie sich denn umschulen lassen?", fragte er deshalb seinen Vordermann, mehr so beiläufig und um sich die Wartezeit zu vertreiben.

 

"Ach, wissen Sie,...eigentlich...!", setzte der zur Antwort an. Aber weiter kam er nicht. Denn die Lampe leuchtete auf.

 

Und mit den Worten: "Entschuldigen Sie bitte! Das rote Licht. Ich bin dran!", öffnete er die geheimnisvolle Tür, trat hindurch und schloss sie wieder, ohne dass der Clown auch nur einen Blick hätte hineinwerfen können.

 

Gleich bin ich an der Reihe, dachte der erfreut, drehte sich kurz um und stellte fest, hinter ihm hatte sich noch jemand eingefunden, der auf Umschulung zu warten schien. Ganz grau war er gekleidet. Jacke, Hose, Hemd, Socken, Schuhe, alles ganz in Grau. Auch das Gesicht, die Hände, die Haare.

 

"Wenn das rote Licht aufblinkt, darf man reingehen.", sagte der Clown zu dem Mann. Denn inzwischen war er ja fast schon ein alter Hase, was das Arbeitsamt anbelangt.

 

"Manchmal reicht die Schlange bis auf die Straße. Morgens ist sie lang. Mittags nimmt sie wieder ab. Aber Sie sind ja gleich nach mir dran", plapperte er munter weiter drauflos.

 

Der Graue aber gab keine Antwort. Er nickte nur gelangweilt, so, als wären das alles olle Kamellen für ihn. Da ging auch schon die Tür auf, und der umgeschulte Cowboy trat wieder auf den Flur heraus. Anstelle des Hutes hatte er jetzt einen riesigen Federschmuck auf dem Kopf. Seine Beine waren nackt, denn eine Hose hatte er nicht mehr an. An ihrer Stelle bedeckte ein fein gegerbter Lendenschurz seine Blöße. Die Füße steckten in bunt gemusterten Mokassins

 

"Schon fertig!", sagte der Indianer und schwang ein gefährlich blitzendes Tomahawk über seinem Kopf.  Dann sah er den grauen Mann hinter dem Clown und begrüßte ihn, wie einen alten Freund.

 

"Ah Arnold! Da bist du ja. Dir geht die Arbeit nie aus, was?  Wir können sofort los!"

 

Der Graue nickte nur. Die Rothaut packte den Clown am Arm, führte ihn etwas zur Seite und flüsterte:
"Der hat's gut. Der hat seine Aufgabe im Leben gefunden. Was abwechslungsreicheres gibt es nicht."

 

"Ja, wird der Herr denn nicht umgeschult?", fragte daraufhin der Clown, der das dem Grauen gar nicht zugetraut hatte.

 

"Nein. Nein. Er nimmt's, wie's kommt. Er ist ein Beispiel. Als Beispiel hat man immer zu tun. So lange man nicht weiter auffällt und nach kurzer Zeit wieder verschwindet. Man braucht nur eine kurze Einarbeitungszeit. Das ist das praktische an dem Job.", erklärte der Indianer.        

 

"Könnte ich das nicht auch werden? - Ein Beispiel."

 

Dem Clown schien das eine annehmbare Tätigkeit zu sein.

 

"Sie?", schmunzelte der rote Mann. "Sie wollen ein Beispiel werden. Das schaffen Sie nie. Man sieht Ihnen an, dass Sie alles schwer nehmen. Das ist das letzte, was einem als Beispiel passieren darf. - Schwer nehmen. - Ach übrigens, darf ich Sie skalpieren, junger Mann?"

 

"Vielleicht ein andermal", murmelte der Clown, nun etwas missmutig, weil ihm der Gedanke gefallen hatte, ein Beispiel zu sein. Aber auch, weil man es auf seinen Haarkranz abgesehen hatte, die Zierde seiner Glatze.

 

Der Indianer schien aber über die Absage nicht weiter verärgert zu sein.

 

"Na, denn nicht.", beendete er das Gespräch und wandte sich zum Gehen. Außerdem blinkte in diesem Augenblick die rote Lampe auf. Das Zeichen für den Clown, dass nun er an der Reihe war. Er wollte noch "Auf Wiedersehen" wünschen. Aber Indianer und Beispiel gingen schon ihrer Wege in Richtung Treppe. Das Beispiel ungefähr immer einen Meter voran, wie es sich für ein gutes Beispiel auch gehört.

 

 

1o. Kapitel

 

Als der Clown endlich durch die besagte Tür jenes geheimnisumwitterte Zimmer betrat, schien die Zeit auf einmal langsamer zu vergehen. Jeder Schritt, jede Bewegung kam ihm wie in Zeitlupe vor.

 

"Was kann ich für Sie tun?", fragte der Beamte auf der anderen Seite des winzigen Raumes. Er stand mit dem Rücken zum Clown, da er grade dabei war, Cowboyklamotten in einen riesigen Kleiderschrank zu hängen, der fast alle vier Wände der winzigen und spärlich möblierten Kammer einnahm und nur eine Lücke ließ, für die Tür und in der Mitte des Raumes, grade Platz genug für einen Schreibtisch und zwei Stühle.

 

"Ich möchte...ich muss mich umschulen lassen.",antwortete der Clown ein wenig enttäuscht, weil er sich Wunder weiß was gedacht hatte, was da hinter der Tür verborgen sein könnte.

 

"Setzen Sie sich!", ordnete der Beamte an, nachdem er nun endlich alles vorschriftsmäßig verstaut hatte. Dann drehte er sich langsam, ganz langsam um, setzte sich zeitlupenhaft auf den Stuhl, hinter dem Schreibtisch, öffnete die Schublade vor seinem Bauch, entnahm ihr ein zerknittertes Stück Papier (Dem Fettfleck darauf nach zu urteilen, diente es vorher höchstwahrscheinlich dazu ein Butterbrot einzupacken.)   und einen winzigen Bleistiftstummel.

 

"Zuerst einmal brauche ich Ihren Namen.", stellte er fest und blickte durch seine milchglasgetönte Brille, in Richtung des Stuhls auf der anderen Seite des Schreibtisches, auf dem er anscheinend den Clown vermutete. Der aber stand noch immer neben dem Türrahmen, staunte den mächtigen Schrank an, dann den Beamten und dachte, der arme, arme Mann, blind und muss so schwer arbeiten.  Deshalb setzte er sich jetzt, um es seinem Gegenüber leichter zu machen, brav auf den Stuhl, auf dem er sowieso geahndet wurde und gab seine Personalien zum Besten.

 

"Clown", sagte er. "Mein Name ist Clown."

 

Diese Auskunft öffnete offenbar eine Ritze im Beamtenhirn, durch die jetzt Sand in das Getriebe rann. Denn grade, als der Beamte ansetzen wollte den Namen auf das winzige Stück Papier zu schreiben, stutzte er und starrte wieder in Richtung des Stuhles gegenüber.

 

Merkwürdige Brille, dachte der Clown, durch die man die Augen gar nicht sieht. Wahrscheinlich eine Blindenbrille. Und er vernahm die leiernde, verwunderte Stimme, von der anderen Seite des Schreibtisches:

 

"Clown" schrieb er auf und fuhr fort: "Merkwürdiger Name! Und Ihr Vorname?"

 

"Vorname?" Der Clown war erstaunt. Danach hatte ihn noch niemand gefragt.

 

"Ja, Ihr Vorname! - Jeder Mensch hat doch auch einen Vornamen."

 

"Ich weiß nicht. Ich heiße nur Clown. Zu mir haben alle immer nur Clown gesagt."

 

"So!? - Na ja, machen wir erst einmal weiter!"

 

Der Beamte schien von Augenblick zu Augenblick mehr in sich zusammenzufallen.

 

"Bisher ausgeübter Beruf?"

 

"Wie bitte?" Auch der Clown hatte sich schon wohler in seiner Haut gefühlt.

 

Der Beamte stöhnte leicht auf. Dieser Fall schien ihm Magenprobleme zu bereiten.

 

"Ihr Beruf?", bohrte er weiter. "Was für eine Arbeit haben Sie bis zuletzt ausgeübt?"

 

Ach so, dachte der Clown. Jetzt ist mir alles klar. Warum nicht gleich so.

 

"Ich war Clown!"

 

Diese Antwort ließ den Beamten zusammenzucken, als hätte ihn ein plötzlicher Zahnschmerz befallen. Er schluckte einen Moment. Als er sich wieder gefangen hatte, fragte er fast höflich:

 

"Sie heißen Clown und Sie sind ein Clown?" und entschloss sich zeitlupelächelnd dazu, einen Scherz zu wagen:" Na, Sie sind mir vielleicht ein Clown!"

 

Auch der Clown lächelte über den gelungenen Witz. Dem Beamten aber wurde jetzt sein eigener Humor unheimlich.

 

"Wollen Sie mich auf den Arm nehmen?", fragte er energisch nach.

 

"Aber, wenn es doch wahr ist!", entgegnete der Clown, zuckte behutsam mit den Schultern und überlegte, mit was für Kleidern er wohl dieses Zimmer verlassen würde.

 

"Hm,...na schön! - Merkwürdige Zufälle gibt es. - Also, Sie sind von Beruf Clown?"

 

Der Beamte war sichtlich bemüht die Angelegenheit endlich voranzutreiben, ahnte allerdings nicht im Geringsten, was er mit seiner letzten Frage auslöste. Denn der Clown erhob sich, stieg auf den Stuhl, auf dem er eben noch gesessen hatte und balancierte einen Fuß auf der Lehne, einen auf der Sitzfläche das Möbel einmal auf den vorderen, einmal auf den hinteren Stuhlbeinen hin und her. Dabei griff er in seine Clownshosentasche, kramte einen Luftballon hervor, den er selbstverständlich immer bei sich hatte, pustete ihn auf, bis er platzte und das darin enthaltene Konfetti auf die Beamtenglatze herunterregnete. Aus einer Innentasche seiner Clownsjacke zauberte er einen kleinen Regenschirm und aus einer anderen eine verbeulte Trompete. Den Schirm spannte er auf, drehte ihn über seinem Kopf mit der linken Hand, während er mit der rechten das Blasinstrument an seinen Mund  hielt und "Oh, mein Papa" trötete.

 

Fassungslos beobachtete der Staatsdiener dieses Treiben. Die Situation war so außergewöhnlich für ihn, dass er seiner Hosentasche ein zerknittertes und bereits vielfach benutztes Taschentusch entkramte, um damit seine Brillengläser zu säubern, - und siehe da! Es waren gar keine Milchgläser. Staubig waren sie, über und über mit Staub bedeckt.

 

Nachdem er die entstaubte Brille wieder aufgesetzt hatte, waren die Gläser klar. Etwas speckig  noch, aber klar. Trotzdem, der gute Mann konnte noch immer nicht verfolgen, was da vor sich ging. Denn seine Augen waren geschlossen. Und trotz aller Anstrengung bekam er sie nicht auf. Sie waren völlig verklebt und offenbar seit Jahren nicht mehr geöffnet worden. Also nahm er erneut das Taschentuch und rieb mit aller Gewalt seine Augenlider, bis sich zuerst das rechte einen ganz kleinen Spalt öffnete und allerdings, wie bei einem Schnappverschluss, gleich wieder zufiel. Deshalb drückte er das Lid mit dem Daumen nach oben. Und Oh Wunder! - Dort blieb es auch, zitterte ein wenig, aber, - es hielt. Als dies geglückt war, dem Clown kam es vor wie mehrere Stunden, hob sich das linke Lid fast wie von selbst, und der Beamte saß nun, verwundert und staunend, mit zwei geöffneten Augen da, - eine verloren geglaubte Welt, fast grenzenlos, - eine Herausforderung, ein Abenteuer für einen Entdecker wie ihn. Er betrachtete zuerst den riesigen Schrank, dann seinen Schreibtisch und zuletzt den Clown, der, nach Beendigung der Demonstration seiner beruflichen Qualifikation, wieder brav auf dem Stuhl saß. Somit war leider auch die Mühe mit dem Reinigen der Augen umsonst gewesen, denn von der Show hatten die Staatspupillen ja nichts mitbekommen. - Schade.! - So fiel das rechte Lid langsam wieder zu und auch das linke klappte in einem Rutsch herunter. Aber, immerhin, die Brillengläser waren sauber.

 

"Wie gesagt, ich war Clown.", sagte der Clown sachlich und wartete jetzt gespannt auf seine Um-schulung. Derweil öffnete der Beamte nicht erneut ein Augenlid, sondern nur die Schublade vor seinem Bauch und tastete darin herum. Als er die Hand wieder herauszog, hielt sie ein winzig kleines Papierschnippselchen zwischen Zeigefinger und Daumen.

 

"Da ist es ja", leierte seine Stimme, wie auf einer zu langsam laufenden Schallplatte. Und offenbar stand auch etwas darauf. Denn angestrengt las er mit geschlossenen Augen den fast mikroskopisch kleinen Aktenvermerk und teilte Sekunden später dem Clown, dem die paar Augenblicke wie eine halbe Stunde vorkamen, dessen Inhalt mit:
"Da wird ein Kellnerlehrling gesucht. Wäre das nichts für Sie?"

 

"Ein Kellnerlehrling?", fragte der Clown etwas enttäuscht zurück.

 

"Eine Umschulung zum Kellner. Da hätten Sie auch mit Menschen zu tun. Genau wie als Clown."

 

Der Beamte schien entschlossen diesen höchst komplizierten Fall endlich in, wie man so schön sagt, "trockene Tücher"  bringen zu wollen.

 

Kellner? - Also Kellner hatte sich der Clown nicht vorgestellt. Eher schon Höhlenforscher, Gehirnchirurg oder zum mindesten Reisebürokaufmann,- aber Kellnerlehrling?

 

"Wenn Sie meinen!", antwortete er daher geknickt und im Jammerton.

 

Langsam, ganz langsam stand der Beamte also auf, ging an den riesigen Kleiderschrank, öffnete ihn und entnahm ihm eine Kellnerschürze und ein Serviertuch. Beides reichte er dem Clown und sagte:

 

"Geben Sie mir Ihre Jacke, binden Sie die Schürze um und legen Sie das Tuch über den linken Unterarm!"

 

Der Clown tat, wie ihm geheißen.

 

"Na, sehen Sie. Ist doch gar nicht so schwer. Hier haben Sie die Adresse. Gehen Sie hin und stellen Sie sich vor sich. Es wird schon klappen. Auf Wiedersehen!"

 

Damit legte er dem Clown das winzige Papierschnippselchen in die rechte Handfläche. Der band sich die Schürze um und legte das Tuch sorgfältig über den linken Unterarm. Die Hand mit dem Schnippselchen hatte er zur Faust geballt, damit ihm die Adresse nicht verlorengeht. Nun stand er ziemlich verloren herum und wollte sich gleich auf den Weg machen, in eine rosarote Kellnerzukunft, als ihm grade noch das Anliegen einfiel, um das zu kümmern er versprochen hatte. Der Beamte saß wieder hinter seinem Schreibtisch und baute grade seine Thermoskanne vor sich auf. Offenbar war die Frühstückspause angebrochen. Den angehenden Kellnerlehrling wähnte er schon auf dem Weg nach draußen, und so machte sich zum ersten Mal eine gewisse Zufriedenheit in seinem Gesicht breit. Dem Clown aber, der immer noch auf dem Stuhl saß, tat es selbst leid, dieses kurze Glück zerstören zu müssen. Nur, versprochen ist versprochen.

 

Und mit den Worten "Entschuldigen Sie bitte!", versuchte er so einfühlsam wie möglich die Aufmerksamkeit noch einmal auf sich zu lenken.

 

Doch, es nutzte nichts, dem Beamten entglitten unter diesen drei Worten, die, grade eben noch zu einem leichten Lächeln gespannten Gesichtszüge wieder vollends nach unten. Grenzenlose Hoffnungslosigkeit machte sich in seiner Stimme breit, während er die Kanne wieder in der Schreibtischlade verstaute.

 

"Was wünschen Sie noch?"

 

Dem Clown war instinktiv klar, dass er den Bogen nicht noch weiter überspannen durfte. Er hatte die Nerven seines Gegenübers bereits überreichlich traktiert. Also ordnete er kurz seine Gedanken, was für einen wie ihn wirklich nicht so einfach ist und formulierte so knapp und präzise wie möglich sein Anliegen.

 

"Ich habe da einen Freund, der sucht eine Umschulungsmöglichkeit zum Mundharmonikaspieler, auf akademischer Basis selbstverständlich. Hätten Sie da was für ihn?"

 

Eigentlich einen Ohnmachtsanfall erwartend war der Clown höchst überrascht, dass die Mimik des Beamten von einem Moment zum anderen aufhellte, so als hätte er durch seine geschlossenen Augen die Sonne gesehen.

 

"Oh ja!", sprach er auf einmal fast heiter und in annähernd normaler Geschwindigkeit.

 

"Mundharmonikaspieler, auf akademischer Basis werden heutzutage gesucht. Das ist ein Beruf mit Zukunft!"

 

Irgendwie schien der Clown da eine Saite zum Klingen gebracht zu haben. Jedenfalls hatte er einem Menschen wieder Leben eingehaucht, der offenbar schon seit Jahren, lebendig eingemauert, in seiner Kemenate, vor sich hinkomatierte. Und das mit einer simplen Frage.

 

"Wissen Sie...,", wollte der Reanimierte nun gar nicht mehr aufhören sich mitzuteilen,

 

"...meiner Meinung nach ist es für einen Staat, wie den unseren, der tagtäglich international politisch wie auch wirtschaftlich ins Hintertreffen zu geraten droht, unerlässlich eine Elite heran-und auszubilden, die sich dazu in der Lage sieht und auch befindet, den Herausforderungen, dieser sich in ständigen dramatischen Veränderungen befindlichen Zivilisation zu begegnen, sei es auf dem Gebiet der Medizin, der Technik und vor allem der Kultur. Und zu letzterer gehört ohne Zweifel die Pflege des akademischen Mundharmonikaspiels."

 

Dem Clown hatte es die Sprache verschlagen. Keine Ahnung, was er darauf entgegnen sollte. Und so war es gut, dass der Beamte nach all dem Kauderwelsch eine einfache Frage parat hatte:

 

„Was war ihr Freund denn bisher von Beruf?“

 

„Zirkusaffe!“

 

„Zirkusaffe?“

 

„Schimpanse, um genau zu sein.“

 

Schon während dieses kurzen Dialoges wurde die Stimme des Beamten schwächer und er schien kleiner und kleiner zu werden, so als hätte jemand Luft aus einem Ballon abgelassen. Enttäuschung, Verzweiflung machten sich in der Kammer breit. Kurzzeitiges Engagement, im Keim erstickt. Aber, es galt zu retten, was zu retten war.

 

„Mit Abitur?“, fragte die geschundene Seele von gegenüber, hinter den wieder vollends einge-staubten Brillengläsern.

 

„Davon kann man ausgehen.“, antwortete der Clown, mit nicht zu wenig Stolz auf seinen Freund und beiläufig fügte er hinzu:

 

„Aber besser, mein Freund kommt selber mal vorbei. Dann kann er Ihnen das alles ja persönlich auseinanderlegen. Ich wollte schließlich nur mal vorfragen. Es hätte ja sein können, dass Sie auf gar keinen Fall Schimpansen zum Mundharmonikaspieler umschulen.“

 

Es schien, als hätte der Beamte den kurzen Hoffnungsschimmer, seinem tristen Dasein doch noch einen Sinn geben zu können, endgültig begraben. Und so zog er sich, so gut es eben ging aus der Affäre:

 

„In der Regel tun wir das auch nicht. Aber manchmal, da machen wir schon eine Ausnahme.“, flüsterte er traurig.

 

„Prima, das werde ich ihm ausrichten!“ Der Clown sprang hoch erfreut vom Stuhl auf und lief, das Serviertuch sorgsam über den linken Arm gelegt, aus dem Zimmer, mitten in sein Schicksal hinein.

 

 

 

11.Kapitel

 

Nun ja. Nun ja. So richtig aufregend ist das Leben als Kellner nicht, dachte der Clown,

 

während er zum x-ten Male mit besagtem Serviertuch über sämtliche Tischdecken gewischt

 

hatte, um auch noch dem letztem Staubkörnchen den Garaus zu machen. Alle Aschenbecher

 

und Weingläser wurden ebenfalls zum sechshundertachtundneunzigsten Male   (Alle Angaben

 

ohne Gewähr)  auf ihren für sie vorgesehenen Platz, auf dem Tisch geschoben, obwohl sie sich

 

seit dem ersten Mal nicht davon entfernt hatten.

 

Nun stand er also da, der Clown, in einer Ecke des Restaurants, neben der Garderobe und dachte an die Zeit, als er noch auf dem Hochseil gelaufen war, mit dem Regenschirm in der einen Hand und der Trompete in der anderen, und wie er einen Spagat gemacht hatte, dass dem Publikum der Atem gestockt ist und wie er dann...- was will jetzt dieser dickliche, schwitzende Mann mit dem viel zu engen Kragen hier, schoss ihm auf einmal ein Quergedanke durch den Kopf. Und der Quergedanke kam daher, weil ein dicklicher, schwitzender Mann, mit einem viel zu engen Kragen das Lokal betreten hatte, sich an einen der Tische setzte und auf einmal  „Herr Ober!“ rief.

 

Soll er rufen, dachte der Clown den Quergedanken einfach nieder und besann sich erneut auf das Hochseil und das Publikum, dessen Atem stockte, - …als ihm ein anderer Quergedanke kam. Der Ober, das bist du, war dessen Botschaft. Du musst da jetzt hingehen und den dicklichen, schwitzenden Mann mit dem viel zu engen Kragen bedienen.

 

Diese Quergedanken sind eine feine Sache, dachte der Clown nun in der Kreuz und in die Quere, vor allem, wenn man sich schlecht was merken kann. Also ging er hinüber und fragte: „Sie wünschen?“

 

„Die Karte, bitte!“, kam prompt die Antwort.

 

„Die Karte! Bitte sehr, bitte gleich!“ Schon machte der Clown sich auf den Weg. War ja alles gar nicht so schwierig, das mit der Kellnerei. Nur, was war das jetzt für ein Gesumme? Egal. Die Karte wurde dem Gast überreicht und die Bestellung abgewartet.

 

„Was können Sie mir denn empfehlen?“, wollte der dickliche, schwitzende Mann mit dem viel zu engen Kragen wissen.

 

Da erblickte der Clown die Ursache des Gesummes.

 

„Eine Fliege!“, rief er erstaunt aus.

 

Der dickliche, schwitzende Mann mit dem viel zu engen Kragen hatte Gott sei Dank Humor.

 

„Eine Fliege?“, prustete er los. „Ich wäre an sich an etwas größerem interessiert, Herr Ober.“

 

Da flog sie. Wie sie so ihre Runden drehte. Irgendwie war das auch zirkusreif, dachte der Clown, nicht ohne Bewunderung.

 

Der dickliche Mann in seinem viel zu engen Kragen begann immer mehr zu schwitzen, denn er hatte Hunger und drängte, zwar, noch immer einigermaßen belustigt über den Fliegenscherz aber schon energischer auf sein Mittagessen.

 

„Gibt es denn außer der Fliege sonst noch was, was Sie mir empfehlen können, Herr Ober?“

 

Sein Blick fiel in die Speisekarte und darin wieder auf die Spezialität des Hauses.

 

„Wie ist denn zum Beispiel die Nudelsuppe?“, fragte er gierig.

 

Immer wieder fielen der Fliege neue Pirouetten ein. Fasziniert beobachtete der Clown ihren Flug und die plötzliche, spontane Landung auf dem viel zu engen Kragen des noch genauso dicklichen aber immer stärker schwitzenden Mannes, der unerklärbare Weise das Wort „Nudelsuppe“ aussprach.

 

Die fang' ich mir, dachte der Clown, und seine Hand bewegte sich auf den viel zu engen Kragen zu, um den kleinen, schwarzen Kunstflieger zu greifen. Warum? Keine Ahnung. Was kann man sonst schon mit Fliegen anfangen? Die Clownshand streifte sacht den Hals des dicklichen Mannes, der davon nichts bemerkte, rutschte aber an dessen verschwitztem, viel zu engen Kragen ab. Die Fliege zog also weiter ihre Runden, und dem dicklichen, schwitzenden und inzwischen ziemlich hungrigen Mann schien so langsam der viel zu enge Kragen zu platzen, wenn er nicht bald was zwischen die Zähne bekommen sollte:

 

„Was ist denn nun mit der Nudelsuppe?“, herrschte er den Clown an, dem die Fliege offenbar entwischt war. Denn sie war nirgends mehr zu sehen.

 

„Sie ist weg!“, stellte der verärgert fest, was der Gast aber als Antwort auf seine Frage mit der Nudelsuppe auffasste.

 

Daraufhin war ihm die Enttäuschung deutlich anzumerken. Er hatte sich so auf die Nudelsuppe gefreut. Und nun war sie weg. Aber schon entdeckte er hoffnungsvoll in der Karte ein neues Gericht, das seinen Hunger stillen konnte.

 

„Und das Wiener Schnitzel, wie ist denn das?“,  fragte er fast flehend.

 

Der Clown blickte suchend den ganzen Raum ab. Nirgends war das Vieh zu entdecken. Das war merkwürdig. Denn für eine Fliege war die Fliege ziemlich groß, wie er fand. Fast schon eine Riesenfliege, stellte er fest.

 

“So ein dickes, schwarzes Vieh habe ich schon lange nicht mehr gesehen.“, teilte er deshalb fachmännisch, dem langsam vor Hunger und Schwitzen schlanker werdenden Mann mit, dessen viel zu enger Kragen sich langsam im Schweiß aufzulösen begann. Der verstand das als Warnung vor dem Wiener Schnitzel.

 

„Wirklich?“, fragte er deshalb vorsichtig noch einmal seinen Kellner, der zustimmend nickte und deshalb beschloss er resignierend   „Dann vielleicht lieber doch kein Wiener Schnitzel.“ zu nehmen.

 

Um den immer stärker werdenden Hunger zu lindern, las er die Speisekarte immer wieder rauf und runter durch.

 

„Was können Sie mir denn sonst noch empfehlen?“, fragte er fast demütig den Clown, der weiterhin den Raum mit seinen Blicken durchpflügte. Da war sie. Da oben, neben dem Bild, mit der Salatgurke drauf. Und höchst erfreut rief er aus:“Die Fliege!“

 

Und Peng! - Mit einem lauten Knall platzte dem, trotz seines Hungers immer noch ziemlich dicklichen Mann jetzt der viel zu enge Kragen, wobei so viel Schweiß auf den Boden tropfte, daß sich eine kleine Pfütze bildete und der Kragenknopf gegen das Bild mit der Salatgurke schoss. Daraufhin tat die Fliege das, was sie am besten kann, nämlich fliegen, und zwar weg.

 

„Nun lassen Sie mich doch endlich mit Ihrer blöden Fliege in Ruhe! Da wird doch kein Mensch satt, von einer einzigen Fliege!“ Und bevor der immer dünner werdende, im Schweiße so langsam  zerfließende Mann, mit dem jetzt nicht mehr zu engen Kragen einen Herzanfall bekam, denn sein Kopf war inzwischen puterrot, entdeckte er auf der Speisekarte jenes wundervolle Mahl, das alle die Mühe fast vergessen machen könnte.

 

„Wissen Sie was, dann bringen Sie mir jetzt bitte die Spiegeleier und eine Limonade.“

 

Sein flehender Blick hing an den Lippen des Clowns. Würde der jetzt sagen, ist auch weg? - Oder, noch schlimmer. Wir haben nur Fliegen. Nur Fliegen und sonst gar nichts.

 

Den Clown interessierte die Fliege nicht mehr. Weg war sie. Auch gut. Soll sie doch hinfliegen, wo der Pfeffer wächst, dachte er mal wieder einfach so vor sich hin, ohne sich darüber im Klaren zu sein, was eine Fliege und das Wachstum des Pfeffers miteinander zu tun haben.

 

Tja, nun stand er also da, neben diesem Mann, der vorher, als er das Lokal betrat, irgendwie dicklicher und dessen Kragen wesentlich enger war. Und die Pfütze da auf dem Fußboden, die gab es auch noch nicht, als...,als...“Nudelsuppe!“. Da war er wieder, dieser praktische Quergedanke. Der wollte eine Nudelsuppe!!!

 

„Sehr wohl, der Herr! Einmal Nudelsuppe! Bitte sehr! Bitte gleich!“, sagte er noch und verschwand mit elegantem Kellnerschwung in der Küche.

 

Der Gast verstand zwar gar nichts mehr. Aber das war ihm egal. Hauptsache, es gab endlich was zu essen.

 

Nach kurzer Zeit flog die Tür zur Küche auf. Der Clown eilte mit einem Teller köstlich dampfender Nudelsuppe auf den inzwischen fast abgemagerten, immer noch schwitzenden Mann, der jetzt statt des viel zu engen Kragens einen hochroten Kopf hatte, zu und...sah die Fliege.

 

„Die Fliege!“, rief er glücklich aus, änderte die Richtung, und verfolgte das Vieh mit dem Suppenteller in der Hand durch den ganzen Speiseraum.

 

Der Kopf des Gastes wurde rot und röter. Es gab nur noch eine Frage für ihn. Verhungern oder Herzanfall. Und auch der Fliege wurde es zu viel. Kamikazegleich stürzte sie sich in den Suppenteller. Unfall oder Selbstmord? Diese Frage wird wohl ewig der Schleier des Zweifels bedecken. -  So weit hätte es nicht zu kommen brauchen, dachte der Clown. Aber auf jeden Fall, das Kapitel Fliege war für ihn erledigt. Und endlich konnte er seiner Pflicht nachkommen. Schließlich war er Kellner. Und vielleicht sogar bald Oberkellner. Also, sein eigener Vorgesetzter, denn er war der einzige Angestellte hier. Aber nur, wenn,... richtig, - die Kundschaft zufrieden ist.

 

„Einmal Nudelsuppe, der Herr!“

 

Höchst zuvorkommend stellte er den Teller, mit der nicht mehr ganz so heißen Suppe jetzt vor den Mann mit dem hochroten Kopf und legte den Löffel daneben. Für den schien es also doch noch neue Hoffnung zu geben. So nahm er den Löffel, wollte ihn grade in die Suppe eintauchen und erblickte darin...DIE FLIEGE!

 

Er versuchte noch aufstehen und aus dem Lokal zu flüchten. Unglücklicherweise rutschte er aber in der, durch den Schweiß seines eigenen Angesichts entstandenen Pfütze aus, fiel auf den Rücken, und daraufhin in Ohnmacht, weil er sich den Hinterkopf an der Tischkante gestoßen hatte. Glücklicherweise war der Krankenwagen schon wenige Minuten später am Ort. Die Platzwunde am Hinterkopf wurde mit neun Stichen genäht. Offenbar war es nur ein leichter Herzanfall, für den Mann jedenfalls. Die Fliege war tot. Immer noch besser so, als umgekehrt, dachte jedenfalls der Clown, als er draußen auf der Straße stand und sich das Hinterteil rieb, in das sein Chef ihn getreten hatte.

 

 

 

12. Kapitel

 

„Frisch auf! Angepackt! Nur dem Fleißigen gehört die Banane.“

 

Manchmal wurden dem Clown Alexanders Alltagsweisheiten einfach zuviel. Beide verließen grade den Wohnwagen, um sich gemeinsam auf den Weg zum Arbeitsamt zu machen.

 

„Ich muss überlegen, worauf ich meinen Schwerpunkt setze. Auf die Theorie oder die Praxis des akademischen Mundharmonikaspiels.“

 

Alexander schien seine Zukunft sonnenklar, jedenfalls bis auf diesen kleinen, im Zusammen-hang gesehenen, doch ziemlich unbedeutenden Punkt. Ganz im Gegensatz zum Clown. Nach dem Fiasko im Restaurant, hatte er das Gefühl zu gar nichts mehr zu taugen. Und er zweifelte sogar daran, überhaupt jemals ein guter Clown gewesen zu sein, denn eigentlich fühlte er sich  nicht einmal mehr als ein solcher. Das merkte er besonders daran, dass er sich darüber ärgerte, den Regenschirm vergessen zu haben, nur weil grade eine dunkle Wolke über ihnen hing.

 

„Wir haben unseren Regenschirm vergessen.“, sagte er deshalb zu Alexander.

 

„Ach was!“, wehrte der nur ab. „Wenn es regnen sollte, nehmen wir ein Taxi.“

 

Dann nehmen wir ein Taxi! - Alexander wieder. Woher denn nehmen, ohne Geld!

 

Als sie in die Innenstadt kamen, begann es tatsächlich zu regnen. Nicht sehr. Nur ein paar Tropfen.

 

„Wir nehmen uns ein Taxi!“, bestimmte Alexander kurzentschlossen.

 

„Wegen der paar Tropfen brauchen wir kein Taxi. Außerdem haben wir kein Geld.“

 

Das wäre ja noch schöner, dachte der Clown weiter. Zum Arbeitsamt mit dem Taxi!

 

„Mein Zylinder wird nass. Wir nehmen ein Taxi!“

 

Alexander konnte auch so was von stur sein und borniert. Das musste mit seinen adligen Vorfahren zu tun haben.

 

Als der Jongleur vor dem großen Kaufhaus, den Clown erblickte, war ihm seine Freude anzumerken.

 

„Gut, dass du kommst!“, sagte er. „Es fängt an zu regnen. Die Leute laufen mir weg. Da kann ich deine Unterstützung gut gebrauchen.“ Und sein Blick fiel auf Alexander.

 

„Das wird die Sensation!“, stotterte er. „Kann der auch irgendwelche Kunststücke?“

 

Und vor lauter Geldgier fing er leicht an zu sabbern.

 

Alexander, in seinem himmelblauen Fräckchen, dem Zylinder auf dem Kopf und dem Spazierstöckchen in der Hand, ließ sich durch solche Unverschämtheiten nicht aus der Ruhe bringen.

 

„Junger Mann, dürfte ich für einige Minuten Ihren Hut benutzen?“

 

Ohne eine Antwort abzuwarten, nahm er die zwei Euro fünfundsiebzig heraus, gab sie dem Jongleur und richtete seine Worte an die vorbeieilenden und vor dem Regen schutzsuchenden Passanten.

 

„Ladys and Gentleman! Einen Moment Ihrer geschätzten Aufmerksamkeit, bitte. Sie haben nun die Gelegenheit etwas Einmaliges zu erleben. Die beiden Hauptattraktionen des Zirkus Bonfetti, Alexander von Pnoschitz und der Clown! Gemeinsam, heute, hier, live, ausnahmsweise auf dem Trottoir!“

 

Und so leise, dass es nur der Clown verstehen konnte, fügte er hinzu. „Aber nur, weil es regnet.“

 

Dann zog er aus der Innentasche seines Fracks eine Mundharmonika und nickte seinem Partner zu. Der grub in seinen riesigen Hosentaschen, holte die alte, verbeule Trompete hervor, und beide begannen ein Medley zu spielen, beginnend mit „Oh, mein Papa“. Als nächstes folgte dann „Somewhere over the rainbow“, und zum Schluß: „Send in the Clowns“.

 

Schon während des ersten Liedes blieben die Leute stehen, obwohl es mittlerweile ziemlich stark regnete. Während der nächsten Nummer entstand ein Menschenkreis, der sich bis auf die nächste Kreuzung hin ausbreitete und somit den Straßenverkehr ins Stocken brachte. Einige Polizeiwagen brausten heran, der eine oder andere sogar mit Blaulicht. Sie hielten mit quietschenden Reifen in der Nähe des Tatortes. Heraus sprangen uniformierte Beamte, einige davon bemüht, den Stau in geordnete Bahnen zu lenken, andere hingegen, ihre Waffe noch nicht gezogen, aber sich ihrer stetig vergewissernd, auf der Suche nach der Ursache, des sich, von der einen Sekunde zur anderen weiter ausbreitenden...?!, - ja, was war das eigentlich.? -

 

„Ein Affe und ein Clown machen Musik!“, lautete die knappe Botschaft an die Einsatzzentrale.

 

„Warum?“, kam prompt als Antwort die Frage.

 

„Ja, ich weiß auch nicht.“, wiederum die Antwort auf die Antwortfrage und daraufhin die Antwort, die mit einer Frage verbunden war:
„Wir greifen ein, - jetzt....! - Oder nicht“

 

Alexander und den Clown musste das nicht weiter beschäftigen. Sie hatten in knapp zehn Minuten gut 75 Euro eingenommen, und Alexander gab das Zeichen zum Aufbruch. Der Taxistand war gleich um die Ecke. Sie stiegen in den nächsten freien Wagen, und als der Fahrer in den sich wieder auflösenden Verkehr hineinsteuerte, resümierte Alexander so für sich hin:

 

„Na ja, gar nicht so übel! Wenn man bedenkt, einfach so aus dem Hut...!?“

 

Auch dem Clown war nachdenklich zu Mute.

 

„Vielleicht ist das unsere Zukunft!“

 

„Die Straße? Nie und nimmer!“, kam als empörte Antwort zurück.

 

 

 

 13. Kapitel

 

„Wir waren grade auf dem Weg zu Ihnen.“

 

Die Frau mit dem Heft in der Hand, strahlte über das ganze Gesicht.

 

„Sie hatten uns doch eingeladen. Fast hätten wir sie verpasst.“

 

„Und einen Freund hat er auch mitgebracht!“, fügte der Mann neben ihr hinzu, als Alexander und der Clown aus dem Taxi stiegen, das sie vor die Tür des Arbeitsamtes gefahren hatte.

 

Der Clown war froh, diesmal Alexander an seiner Seite zu wissen. Denn irgendwie waren ihm die beiden nicht sehr angenehm.

 

Alexander hingegen zeigte keinerlei Berührungsängste. Er ging auf die beiden zu und fragte: „Was können wir für sie tun?“

 

Und trotzdem beide über Alexander kurz irritiert waren, - irgendwie hatten sie für einen Wimpernschlag den Eindruck, er wäre nur ein Affe, - verflog dieser Zweifel  sofort und wich einem Entzücken über dessen unvoreingenommene Offenheit.

 

„Lies einfach dies Heft! So wirst du überzeugt sein!“

 

Auch der Mann neben ihr glaubte sofort einen neuen Jünger gefunden zu haben:

 

„Danach komm mit uns! Unser Weg wird auch der deine sein.“

 

„Oder meiner der Ihre.“, entgegnete Alexander höflich und bestimmt.

 

„Hier, meine Karte. - Hätten Sie die Güte, mich heute Nachmittag unter dieser Adresse zu aufzusuchen. Wir besprechen dann alles Notwendige.“

 

Damit ließ er beide mit erfüllen Gesichtern zurück und zog, den Clown untergehakt, ins Arbeitsamt ein.

 

 

 

14. Kapitel

 

Der Weg durchs Arbeitsamt war eine Kleinigkeit. Und dieses Mal war es der Clown, der unwissenden Feuerwehrleuten, Archäologen, Tischtennistrainern und Restauratoren für postgotische Kirchenfenster den Weg weisen konnte.

 

Vor Tür Nr. 16953 angekommen, war es das gewohnte Bild. Eine Krankenschwester ging rein und kam gleich darauf als Kunstmalerin wieder raus. Ihr neuer Beruf  war nicht schwer zu erraten, denn sie trug einen farbbeklecksten Kittel, in dessen Taschen einige Pinsel steckten und eine Staffellage, die so groß und schwer war, dass sie sie kaum schleppen konnte.

 

Sehr viel war heute nicht los. Denn als nächster ging nur noch ein...,ja was?, - Schriftsteller rein. - Jedenfalls vermutete Alexander, dass es einer war, wegen dem alten schäbigen Anzug, der kleinen runden Lesebrille und der erkennbaren Zerstreutheit. Gleich darauf  kam er schon wieder raus. Es schien sich bei ihm nicht um einen schwer zu lösenden Fall gehandelt zu haben. Außerdem wirkte auf einmal viel aufgeräumter. Er trug einen nagelneuen, grauen Anzug, ein weißes Hemd, eine Krawatte mit gelben Punkten und in der Hand  einen Staubsauger. Nur sehr glücklich oder wenigstens zufrieden schien er immer noch nicht. Irgendwas murmelte er vor sich hin:

 

„Blödes Ding!?“, oder so ähnlich. Jedenfalls schien er den Staubsauger zu meinen, denn mit der freien Hand gab er dem plötzlich so etwas wie eine Ohrrfeige, oder sagen wir besser einen Schlag. Ein Staubsauger hat ja keine Ohren.   (Wäre ja auch noch schöner.)

 

Und wie aus dem Nichts tauchte da plötzlich Arnold auf, das Beispiel.

 

„Ich soll jetzt Staubsauger verkaufen.“, stöhnte der eventuelle Schriftsteller, woraufhin ihm Arnold                                                                                                                                                                                                                                                                                       tröstend auf die Schulter klopfte und  meinte:

 

„Ist doch super! Das Beste, was dir passieren konnte. Staubsauger verkaufen ist eine feine Sache. Staub wird es immer geben. Du brauchst dir also nie mehr Gedanken um deine Zukunft machen. - Und schließlich, ich bin ja auch noch da.“

 

Der so Angesprochene tat einen tiefen Seufzer, nahm den Sauger jetzt fast schon zärtlich unter den Arm und ergab sich in sein Schícksal.

 

„Aber, du gehst voran!“, war seine letzte Bedingung.

 

„Wer sonst.“, antwortete das Beispiel.

 

Der Clown sah ihnen noch einen Moment nach, wurde von Alexander aber sofort wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt.

 

„Wir sind dran! Willst du zuerst?“, fragte er. Und irgendwie schien der Clown in der Frage schon Alexanders Aufforderung herauszuhören, ihn vorgehen zu lassen.

 

„Geh nur.“, sagte er ziemlich gleichgültig. Er hatte es nicht eilig Toilettenmann, Fliesenleger oder schlimmstenfalls sogar Kreistagsabgeordneter zu werden. - Vielleicht sollte er seinem Freund nur einige gutgemeinte Ratschläge mit auf den Weg geben.

 

„Also, wenn du da rein gehst, der Mann da drinnen, der hat eine Brille auf, die sieht aus, wie...".

 

„Ja. Ja!“, unterbrach ihn Alexander. „Das werde ich schon gleich selber sehen.“, klopfte an und ging, ohne weiter auf eine Antwort von drinnen, geschweige denn auf irgendein rotes Licht zu warten, hinein.

 

 

 

15. Kapitel

 

Gut zwei Stunden hatte der Clown gewartet. So jedenfalls schien es ihm. Er hatte ja keine Uhr. Kurze Zeit war er sogar eingenickt. - Sicher, Alexanders Anliegen war kein Routinevorgang, davon konnte man ausgehen. - Aber zwei Stunden! - Nachdem er nochmals eine halbe Ewigkeit auf die Tür gestarrt hatte, in der Hoffnung, sein Freund würde durch sie hindurch wieder zu ihm zurückkehren, wenn schon nicht als Mundharmonikaprofessor, dann doch wenigstens als Fahrkartenschaffner oder Briefträger, beschloss er, der Sache auf den Grund zu gehen. Er klopfte an. Niemand antwortete, sagte „Herein!“ oder wenigstens „Scheren Sie sich zum Teufel!“

 

Er klopfte erneut. Wieder nichts. Also nahm er seinen ganzen verbleibenden Mut zusammen, der mühelos in einen Fingerhut gepasst hätte und drückte die Klinke herunter. Doch hinter der Tür war kein Büro mehr, kein riesiger Kleiderschrank, kein Schreibtisch, keine zwei Stühle, kein Beamter mit Milchglasbrille und vor allen Dingen kein Alexander! Hinter der Tür war ein endlos scheinender Gang. Genauso einer wie vor der Tür. Und in dem Gang, auf beiden Seiten, wieder Türen. Türen über Türen. Er öffnete eine davon. Dahinter das gleiche Bild. Ein Gang und viele Türen. Aus einer kam jetzt glücklicherweise eine Frau, die hier zu arbeiten schien oder zum mindesten so aussah. Sie erblickte den Clown und fragte gekonnt freundlich, ob sie ihm helfen könne.

 

„Also, vor mehr als zwei Stunden...“ fing der sogleich an, sein Leid zu klagen. „... ist durch diese Tür mein Freund reingegangen. Gestern war da nämlich noch ein Büro. Und ein Herr hat drinnen gesessen. Mit so einer beschlagenen Brille,...“

 

„Wir haben grade umstrukturiert.“, unterbrach ihn die Frau eilig. „Alles ist jetzt anders.“

 

„Aha!“, sagte der Clown. „Aber, wo ist mein Freund?“

 

„Wird wahrscheinlich vorne raus sein. Alles ist jetzt anders. Da, wo Sie herkommen, geht man inzwischen nur noch rein. Raus geht man woanders. Vorne ist jetzt ganz einfach hinten. Verstehen Sie? Weil nämlich alles anders ist, hat man auch das geändert.“

 

Damit wollte sie weitergehen. Aber der Clown hielt sie auf.

 

„Ich müsste auch nochmal geholfen werden. Gestern hat man mich zum Kellner umgeschult. Aber, das sagt mir nicht so zu.“

 

Die Frau sah ihn auf einmal sehr geringschätzig an.

 

„Sagt Ihnen nicht so zu! Aha! Für Leute wie Sie haben wir jetzt endlich den  A.F.L.W.S..“

 

„Den was?“, fragte der Clown.

 

Der Blick der Frau wurde immer minderwertiger.

 

„Den A.F.L.W.S.. Den A.UTOMATEN. F.ÜR. L.EUTE. W.IE. S.IE..

 

Der Clown blickte sie an. Da war wieder so ein Satz wie: „passen nicht mehr in diese Zeit,...sind von gestern,...Ihre Papiere, bitte... - Solche Sätze brauchen ihre Zeit, bis man sie begreift. Zeit, die die Frau nicht zu haben schien.

 

„Fünfte Tür links!“, sagte sie auf einmal ganz von oben herab und verschwand in der siebten Türe rechts.

 

Der Clown ging weiter. Fünfte Tür links. Er brauchte nicht anzuklopfen. Als er davorstand, ging sie von alleine auf. Er trat ein, in einen halbdunklen Raum. Kein Tisch, kein Stuhl, an der Wand nur ein Automat. So eine Art von Getränkeautomat, vom Aussehen her. Als der Clown vor dem Ding stand, leuchtete es auf, begann zu summen und eine Computerstimme fragte:

 

„Beruf?“

 

Nicht schon wieder, dachte er

 

„Beruf?!“

 

Der Kasten fragte zum zweiten Mal. Dieses Mal schon eindringlicher.

 

„Clown“, antwortete der Clown.

 

„Wievielte Umschulung?“, lautete die nächste Frage.

 

„Die zweite“.

 

Der Automat schaltete jetzt vom Summen auf ein Brummen und ein leichtes Wackeln um.

 

„Einen Moment, bitte!“, tönte die Computerstimme dazu.

 

Vielleicht ist er kaputt, dachte der Clown, als sich eine Zeit nichts mehr tat. Er bückte sich zu dem Ausgabeschlitz herunter, aus dem bei den Getränkeautomaten immer die Dosen herausgeschleudert werden und versuchte hineinzuspähen. In dem Moment schoss aus dem Apparatebauch eine Metallkugel durch den Schlitz und prallte gegen seinen Kopf, so voller Wucht, dass er auf den Hintern fiel und sich die kleine Beule rieb, die grade auf seiner Stirn zu wachsen begann. Die Kugel lag zwischen seinen Beinen. Er nahm sie in die Hände, wusste aber nichts mit ihr anzufangen.

 

„Aufmachen!“, tönte der Automat jetzt von neuem.

 

Der Clown drehte die beiden Kugelhälften jeweils in die entgegengesetzte Richtung. Tatsächlich ließen sie sich auseinanderschrauben. Im Inneren lag ein zusammengeknüllter Zettel, den er auseinanderfaltete Und darin stand:

 

Letzte Chance!

 

Sie werden jetzt Steuermannslehrling oder gar nichts mehr.

 

Gehen Sie zu Captain Hansen. Der wartet im Hafen auf einen wie Sie.

 

Mit freundlichen Grüßen

 

Ihr Arbeitsamt.

 

 

16. Kapitel

 

Als der Clown wieder durch die Tür trat, stand er plötzlich, keine Ahnung, wie er dahin gekommen war, im Hafengelände. Vor ihm lag ein alter, völlig vergammelter Fischkutter. Das ist ja doll, dachte der Clown. Jetzt bin ich auch mal vorne raus. Und alles ist wirklich ganz anders.

 

Der Kutter lag ziemlich abseits im Hafen. So, als wollten die anderen Schiffe nichts mit ihm zu tun haben. Über einen wackeligen, morschen Steg betrat er vorsichtig den Kahn. Der befand sich in einem Zustand, dass er damit noch nicht einmal hätte die Dümpe überqueren wollen. Die Dümpe ist das Flüsschen, das durchs Städtchen fließt und selbst bei Hochwasser höchstens Knietiefe erreicht. 

 

Überall lag altes Gerümpel herum. Ein verrosteter Schneebesen, neben einem alten Schuh. Zerfranste  Autoreifen, mehrere leere Flaschen billigen Rums, verbogene Angelhaken, das Skelett einer Sardine, eben alles, was den Eindruck erweckte, dass das Ding hier gar kein Schiff war, sondern ein großer Mülleimer.

 

Aus der kleinen windschiefen Kajüte, drangen, von unter Deck her, klappernde Geräusche nach oben. So, als ob einer was sucht und alles mögliche findet, nur nicht das, was er sucht. Zwischen all dem Geklapper und Geschepper war die heisere, aber dennoch gefährlich tief klingende und wütende Stimme eines Mannes zu vernehmen. Leider nicht sehr deutlich, erstens: weil das Geklapper so laut war. Aber auch, weil sie einen so komischen Dialekt brabbelte:

 

„So’n Schiet auch! Da mut doch noch so’n Budl sein. Ich hev’n Brand, dat nich die ganze städtische Feuerwehr, den zu löschen verstehen tät’“

 

„Hallo!“, der Clown tat vorsichtig einen Schritt auf die Stufen zu, die unter Deck führten. „Ist da jemand?“

 

Für einen Moment war Ruhe mit dem Gepolter.

 

„Ick hör wohl schon Gespinster, so ganz ohne Fusel.“, brummte der da unten jetzt anscheinend zu sich selber. Denn keiner kam nach oben, und im nächsten Moment ging es weiter, mit dem Gewühle. Dem Clown war nicht wohl in seiner Haut, allein auf diesem Seelenverkäufer, mit einem unsichtbaren, fluchenden Derwisch im Schiffsbauch. Aber, was sollte er machen. Clown sein, das war passé. Damit hatte er sich abzufinden. Zum Kellner taugte er auch nicht. So musste er wohl in den sauren Apfel beißen und es erneut versuchen:

 

„Ich suche Captain Hansen!“, rief er wieder nach unten.

 

„Nun hol mi der Deuwel. Da het du di versteckt, du ollen Seligmacher!“, dröhnte es jetzt von neuem an’s Tageslicht. Und gleich darauf noch hinterher:“Wer het mi do rufen?“

 

Und endlich kam denn auch mal der ganze Kerl, aus dem diese Stimme drang, die Treppe raufgestampft. Ein mächtiger Koloss, mindestens zwei Meter groß und dick und breit wie eine Litfaßsäule. Aus seinem runden, feisten Schädel spross ein langer, zerfranster, grauer Bart, der ihm fast bis zum Hosengürtel runterhing. Die Jacke, die er trug, musste wohl vor langer Zeit einmal einem Admiral zur See oder zum mindesten einem Kapitän gehört haben, der noch mächtigere Körpermaße hatte. Denn sie war bestimmt drei Nummern zu groß. Außerdem dreckig und speckig, dass es einen grauste. Der Clown musste zweimal  kräftig schlucken, als er sein Gegenüber betrachtete. Unter der offenen Jacke wölbte sich über dem mächtigen Bauch ein gestreiftes Matrosenhemd. Das steckte in einer langen, schwarzen, Hose, die über die Beine hin immer breiter wurde und bis über die riesigen Holzschuhe maß, in denen die schmutzigen Füße steckten..

 

„Was wills’u denn?“, fragte er in einem dröhnenden Bass, den man bequem noch in dreißig Metern Abstand, am nächsten Hafenbecken vernehmen konnte. Dann öffnete er die Rumflasche, die er in einer seiner Pranken hielt. Das heißt, er schlug den Flaschenhals einfach mal gegen den windschiefen Schiffsmast, so dass er splitternd abbrach. Nun ließ er den Fusel, wie einen Wasserfall, ohne zu schlucken in seine Kehle laufen. Die Splitter hielt er dabei ein paar Zentimeter von seinem Mund entfernt, um sich nicht die Lippen zu zerschneiden. - Jetzt nur nicht kleinkriegen lassen, dachte der Clown.

 

„Das Arbeitsamt schickt mich. Sie sind doch Captain Hansen und suchen einen Steuermannslehrling!“

 

„Ob ich Captain Hansen bin? Und ob i det bin! - Verdammich noch und Pest und Cholera! Wird auch Ziet, det die mo jemanden vorbeischiggen.“

 

Der alte Seebär sagte das in einem Ton und einer Lautstärke, dass jetzt keiner hätte beurteilen mögen, ob das nun freudig gemeint war, oder ob man sich in Acht zu nehmen hatte, vor einer bevorstehenden Ohrfeige. Er leerte mit einen weiteren kräftigen Schluck die Flasche und schmiss sie einfach über Bord. Dann schneutzte er sich ausgiebig in den Ärmel der viel zu weiten Jacke und fragte:“ Wie heiß’u eintlich, du komische Jammergestalt?“

 

Der Clown musste sich arg zusammennehmen. Er war hier, damit er lernt, wie man ein Schiff steuert, und nicht, wie man sich am einfachsten und schnellsten beleidigen lässt.

 

„Clown, heiße ich. Wenn wir jetzt vielleicht mit der Ausbildung beginnen könnten.!“  

 

Hansen fixierte mit seinen ziemlich glasigen, blauen Augen den Clown. Der versuchte dem Blick standzuhalten, was ihm auch gelang. Und auf einmal huschte so etwas wie ein breites Lächeln über das aufgedunsene Vollmondgesicht des Captains und formte sich sogar zu einem noch breiteren Grinsen.

 

„Na, denn ma’ vorwärts, mit die jungen Makrelen! Auf dein’ Posten, Matrose Clown! Anker los, und die Leinen gehievt! Oder von mir aus auch umgekehrt!“, polterte er los. Aber dieses Mal  lag Tatendrang in seiner Stimme und große Freude.

 

„Stell dich gleich mal hintern Steuerrad, denn es beginnt die Ausbildung. Die erste Lektion is Kurshalten. Also pass auf. Is ganz einfach. Nämlich, wenn das hier das Land is...,“, damit zeigte er auf das Hafengelände,  „...dann muss das da vorne das Wasser sein.“, damit auf die modrige Brühe im Hafenbecken. „Und darauf häls u zu. Has u das in dein' Schädel?“

 

„Ey ,Ey Captain!“, antwortete der Clown schon ziemlich seemännisch, stellte sich hinter das Steuerrad und wartete, darauf, dass sein Chef endlich die Leinen anwarf und den Motor losmachte. Oder von ihm aus, auch umgekehrt. Nur war der grade wieder unter Deck verschwunden, und der Clown hörte, wie das Wühlen von vorne losging.

 

„Wo is jetzt det Schietding? Irgendwo mut dat do sin! - Na bitte, wer sacht et denn!“

 

Damit kam Hansen wieder nach oben, in den Händen eine alte, verbogene Angelrute.

 

„Achte nur auf den Kurs! Ich kümmere mich derweil mal um’s Geschäft. Schließlich ist das ja hier ‘n Fischkudder un nich die Titonic!“

 

Mit diesen Worten trat er an die Reling und schleuderte die Angelschnur in das modrige Brackwasser, ohne Haken und ohne einen Köder.

 

Der Clown, der immer noch darauf vertraute, dass sein Kapitän endlich die Leinen löste und  den Motor anschmiss, fragte nur verwundert: „Mit dieser Angel wollen Sie Fische fangen?“

 

Und mit dem Donnerwetter, das nun über ihn hereinbrach, mit dem hatte er wirklich nicht gerechnet.

 

„Was glaubs’u denn, mit wem du da snackst, du ollen Klugscheisser, du! An dieser Angel hat schließlich schon der große Blubberwal gehongen!“

 

Da der Clown sich ja nun langsam an das dröhnende Organ des Kapitäns gewöhnt hatte, ließ er sich auch nicht mehr so schnell von diesem einschüchtern.

 

„Wer hat daran „g e h o n g e n“?“, fragte er so selbstbewusst wie möglich zurück, denn er glaubte ein Wort gehört zu haben, dass es gar nicht gab. - Blubberwal.

 

„Der große Blubberwal! Von dem has’u bestimm noch nie was gehört, du ollen Piesepampel!- Oder?“

 

Und ohne eine Antwort abzuwarten, ging die Rede weiter:

 

„Das glaube ich dir gerne, dass’u von dem noch nie was gehört hast. He is nämlich sehr selten, der große Blubberwal.“

 

Und die Laustärke ein oder zwei Phon herunterschraubend:

 

„Na ja, und dann gibt es ja auch noch den kleinen Blubberwal. Aber, der is nur fünfundsiebzig Meter lang!“

 

Donnerwetter, dachte der Clown. Fünfundsiebzig Meter, für einen kleinen Blubberwal! Das hätte er nicht gedacht. - Aber, wenn der kleine schon fünfundsiebzig Meter,...wie lang muss dann erst der große...!?

 

„Und der große?“, wollte er es nun genau wissen.

 

Als hätte ihn die Frage ein wenig aus dem Konzept gebracht, stutzte Captain Hansen für einen Augenblick, maß im Geiste nach, denn er wollte durch Genauigkeit glänzen und stellte schließlich sachkundig fest:

 

„Der große, der kann so gut und gerne...dreihunatunochtig Meter werden.“

 

Dreihundertundachtzig Meter! Dem Clown klappte der Unterkiefer runter. Und bevor er ihn wieder hochbekam, setzte Hansen noch einen d’rauf.

 

„Als Baby! Ausgewachsen misst so ein großer Blubberwal gut und gerne...einen Kilomeder!“

 

Das wäre ja...Der Clown versuchte sich grade so einen Wal vorzustellen. Das wäre ja ungefähr die Strecke, also, vom Kassenwagen aus gerechnet, am Zirkuszelt vorbei, über die Raubtierstallungen hinaus,...und selbst, bis zu dem Platz wo sein Wohnwagen immer steht, oder besser gesagt, immer stand, waren es alles in allem, höchstens fünfhundert, ach was, höchstens dreihundert Meter. Und so ein Blubberwal, also der große jedenfalls,...einen Kilometer!  - Das war mehr als erstaunlich. Das einzige, was ihm noch ein wenig fragwürdig erschien, war...das man den mit dieser Schrottangel...also wirklich...

 

“Und den haben Sie mit dieser Angel gefangen!?“, brach es deshalb aus ihm heraus.

 

Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten: „Der Angler fängt den Fisch und nicht die Angel, du Grünsnabel!“ 

 

Dass es vielleicht endlich auch mal an der Zeit war, das Schiff in Gang zu bringen, und eventuell sogar loszufahren, schien auf einmal völlig egal und in Vergessenheit geraten.

 

„Halt du nur deinen Kurs, und vor allen Dingen halte Ausschau nach Piratenschiffen!“, kam jetzt die klare Anweisung an die Mannschaft.

 

„Nach was für Piratenschiffen?“, fragte die immer erstaunter zurück.

 

Für einen Moment herrschte Totenstille auf dem Kahn. Es war, als zögen dunkle Gewitterwolken von Kap Horn aus am Horizont herauf. Captain Hansen lehnte immer noch an der Reling, blickte auf das Wasser, dass irgendwie seine dreckige, graue Farbe zu verlieren schien und immer mehr in tiefem Blau zu leuchten begann. Und mit sonorer Stimme, eine gewisse Ehrfurcht schwang da auch mit, sagte er fast flüsternd:

 

„Seitdem ich domols die Meerjungfrau aus den Händen des Fliegenden Holländers befreit hobe, seitdem verfolgt der mich.“

 

„Wer?“ Der Clown wollte nun die ganze Wahrheit wissen, während sein Unterkiefer wieder auf dem Weg abwärts war.

 

„Der Holländer natürlich!“, antwortete Hansen, ein wenig kratzbürstig. Wer hätte ihn denn sonst schon verfolgen sollen:

 

„Vor vielen vielen Jahren traf ich ihn nämlich vor der Küste von Sansibar ...“

 

„Im Flugzeug?“, unterbrach der Clown und war sich sofort sicher, dass das dieses Mal wirklich eine dumme Frage war.

 

Der Kapitän aber ließ sich nicht mehr aus seinem Fluss bringen:
„Der Fliegende Holländer is ein Pirat und Meeresgeist. - Jedenfalls irgendsoetwas in dieser Richtung. -

 

„Also, wie gesagt, vor der Küste von Sansibar, wir hatten grode ma wieder Orkon!“      

 

Und plötzlich kam es dem Clown so vor, als wenn die alte Schabracke leicht zu schauckeln anfing.

 

„Windstärke...! - Sogen wir neunundneunzig!“

 

Auf einmal fegte eine riesige Welle gegen die Schiffswand, spritzte ihre Gischt auf das Deck und sorgte dafür, dass der Kahn in ziemliches Schlingern geriet. Der Clown klammerte sich fest ans Steuerrad, um nicht über Bord gespült zu werden. Und als wäre da dem aufkommenden Orkan ein Blitz vorausgeeilt und dem Clown ins Gehirn eingeschlagen, sah der auf einmal etwas, was er vorher nicht gesehen hatte und brüllte über die tosende und lärmende See hinweg:

 

„Captain Hansen, seht! Da vorne, mitten im Orkan, da liegt die Brigg des Fliegenden Holländers! Er hat die Besucherfahne gehisst. Das heißt, er lädt euch um Umtrunk ein!“

 

„Das weiß ich selber, was das heiss’, du Döspaddel!“, brüllte Hansen zurück, während er sich am Schiffsmast festhielt. „Halt nur Kurs auf sie!“

 

Der Clown drehte mit aller Kraft am Ruder, um das Schiff in die Richtung zu bugsieren, in der er den Holländer grade noch gesichtet hatte. - Aber, auf einmal...!

 

„Es ist verschwunden, Captain. Einfach weg.!“ Dem Clown drohten über dem Höllenlärm, den Wind und Wetter veranstalteten, die Stimmbänder zu zerreißen. Sein Kapitän aber stand da, wie ein Fels in der Brandung, an seinen Mast geklammert, blickte auf die stürmende See, hinaus, auf die schwarze Wellen-und Wolkenwand, die sich da vor ihnen auftat und befahl mit dröhnender Stimme:

 

„Da hinein! Mitten hinein in das Auge des Orkans!“

 

Dem Clown schlotterten, teils vor Nässe, teils aus Angst, alle Glieder, bei dem Gedanken, in diese rabenschwarze Finsternis hinein zu schippern. Aber mit einer Disziplin, die eben nur alte Seefahrer wie er  aufbringen, gehorchte er: „Ey Ey, Captain!“

 

„Immer hinein! Da drinnen, im Auge des Orkans, ist es ganz  ruhig und friedlich..“

 

Captain Hansen schien sich seiner Sache sicher zu sein. - Immer höher peitschten die Wellen. Immer schärfer blies der Sturm. Noch zehn, zwanzig Sekunden, dann würde der Kutter kentern und beide müssten jämmerlich ersaufen. Doch plötzlich, von Sekunde zu Sekunde, beruhigte sich das Wasser immer mehr. Die Wellen wurden so klein, dass sie nur noch schüchtern gegen die Schiffswand klopften. Der Wind hatte sich vollends gelegt. Aber, vor allen Dingen, es wurde wieder hell. Mitten drin im Auge des Orkans waren sie jetzt. Und tatsächlich, eine friedliche Stille herrschte, unterbrochen nur vom leisen Wellenspiel, das ein Licht hell beschien, als ob es eine Sonne hier drinnen gäbe.

 

Beide hätten sich diesem Eindruck vollends hingeben mögen, voller Ohnmacht, doch berauscht und demütig dem grandiosen Naturschauspiel gegenüber, das sich da vor ihren Augen auftat, - läge da nicht - ihnen direkt gegenüber, die Piratenflagge, stolz am Hauptmast, die Besucherfahne, etwas kleiner darunter, die Brigg des Fliegenden Holländers. Und er selber stand an Deck, der Pirat und Meeresgeist, jedenfalls irgendsoetwas in dieser Richtung. Mächtig, bullig, bestimmt noch anderthalb Köpfe größer als Captain Hansen, und das ist höchstens nur ein bisschen reichlich übertrieben, eingehüllt in einen schwarzen Mantel, die Krempe des ebenfalls schwarzen, runden Hutes tief ins Gesicht gezogen, so dass man Augen und Nase nicht ausmachen konnte. - Es hieß, auf seiner Flucht aus dem Brabanter Gefängnis, in dem der Holländer und seine Kumpane zuvor Feuer gelegt hatten, wäre er verbrannt, - hier jedoch, Captain Hansen und der Clown, Aug in Aug ihm gegenüber, konnten nun feststellen, dass stimmte nur zum Teil. - Und hinter ihm stand seine Mannschaft, eine Rotte von Ausgeburten der Hölle. Einige von ihnen waren stumpfsinnig vor sich hinglotzende, verkrüppelte, zwergenhafte Gnome, in deren Gürteln so viele Messer und Beile steckten, dass keine Bibelseite mehr dazwischengepasst hätte, andere wiederum großgewachsene Kerle mit Gesichtern wie Totenschädel und Muskeln, so stramm, als wären es Kuheuter, kurz vor dem Abmelken. Sie alle scharten sich wie ein Mann hinter ihren Kapitän, bereit auf seinen Wink hin für ihn in die Hölle hineinzustürmen, um den Teufel selbst dort herauszuholen, und ihn am höchsten Mast ihrer Brigg aufzuhängen.

 

So also standen sie sich gegenüber, Captain Hansen und der Clown auf ihrem Fischkutter und dort drüben mächtig stolz und gemein, die ganze Macht der Finsternis und des Bösen.

 

„Ich wird’ ma zu ihm rüberrufen.“ Captain Hansen hatte als erster seine Geistesgegenwart zurückgewonnen. Der Clown, immer noch ganz benommen antwortete nicht, schluckte nur zweimal und bemühte sich gar nicht mehr um seinen Unterkiefer.

 

“Holla, du olles Seeungeheuer! Was treibs du für’n Spiel mit mir? Wozu die Besucherflagge? Wills’u mi etwa inloden?“

 

Der Clown schluckte ein drittes Mal und rechnete jeden Augenblick mit einem Sturmangriff der Piraten.  

 

Nichts dergleichen geschah. Nein! - Der Holländer antwortete. Mit einer Stimme, als würde jemand in eine alte, verbeulte Gießkanne hineinschreien, drangen dessen Worte zu ihnen übers Wasser.

 

„Holla, du widerliche Meerschlange! Setz über zu mir. Ja! -  Ich will dich zu meiner Hochzeit einladen. Komm, und sei mein Gast, wenn du Mut hast!“

 

Und er setzte zu einem Lachen an, das klang so, als würde noch ein anderer mit dem Hammer die alte, verbeulte Gießkanne bearbeiten.

 

Der Clown hätte liebend gerne auf  die Annahme dieser Einladung verzichtet. Nicht so sein Kapitän. Der lief grade zu Höchstform auf.

 

„Zu diner Hochtit!?“, brüllte der zurück. „Und selbs, wenn i der größte Feigling auf dieser Erde wäre, slüge ich diese Einladung nich ous. Det verrückte Frauenzimmer, det möt i seh’n, des bereit is di zu freien!“                                          

 

Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten.

 

„Du sollst sie sehen, du flachköpfige Wabberqualle! Komm und lass dich überraschen!“

 

Es folgte ein Lachen, als wären inzwischen derer drei mit Vorschlaghämmern an der Gießkanne zu Werke.     

 

Über Komfort ließ der Holländer nicht mit sich handeln. Ein Beiboot wurde zu Wasser gelassen, und kurz darauf stand ein Clown in der Steuermannsausbildung und sein Kapitän auf den Planken des Piratenschiffes.

 

Nach den üblichen Freundlichkeiten, die man eben so austauscht, wenn alte Freunde sich wiedersehen,                                                                                                                                                                                                                                                                                                                               “Hansen, warum hab ich dich eigentlich nicht schon damals in Madagaskar aufhängen lassen!“ oder „Du dreckiger Holländer, schade, dass ich damals nicht in Brabant war. Ich hätte dafür gesorgt, dass nicht nur deine widerliche Visage verbrennt!“, kam man zum Wesentlichen.

 

„Holt mir meine Braut!“, schrie der Piratenchef seine Mannschaft an. „Mein alter Freund, Captain Hansen soll ihre Schönheit bewundern. Und danach soll er uns trauen!“

 

Gleich darauf schleppten zwölf seiner Leute ein großes Aquarium an Deck. Darin schwamm,- man glaubt es nicht,- eine richtige Meerjungfrau. Ein Halb Mensch-Halb Fisch-Wesen. Captain Hansen und der Clown trauten ihren Augen nicht. Oben herum ein wunderschönes junges Mädchen, von vielleicht fünfzehn Jahren und  das Unterteil, ein schuppiger Fischleib. Beide traten näher an das Aquarium heran, so, als glaubten sie, aus der Nähe betrachtet, würde sich das Fischfräulein als ein fauler Zauber entpuppen, als irgendein billiger Trick der Piratenbande. Aber, nichts dergleichen.

 

Als sie nun mit ihren Nasen ganz dich an der Glasscheibe standen, tauchte die Meerjungfrau für einen Moment auf. Mit ihren zarten Armen zog sie sich am Beckenrand hoch und spähte darüber hinweg die beiden an. Nur für einen kurzen Augenblick, aber lang genug, um Hansen und dem Clown ihre Notlage zu schildern.

 

„Diese Halunken haben mich von meiner Familie entführt.“, piepste sie leise und wundervoll. „Und jetzt soll ich dieses Scheusal heiraten. Ich bitte euch, rettet mich!“

 

Damit verschwand sie wieder in den ziemlich flachen Tiefen ihres Bassins. Captains Hansens Herz  aber schmolz dahin, wie Käsekuchen in der Sonne. Der Clown konnte ihm ansehen, er würde alles andere tun, als dieses kleine, zarte Geschöpf mit dem Holländer zu verheiraten. Eine List musste her. Und wenn eine List her muss, dann muss sie eben her.

 

„In Ordnung, Holländer!“, brummte Hansen. „Ich werde dich und das Meermädchen trauen. Aber, zuerst nach altem Brauch, lass und trinken, und zwar kräftig!“

 

„Das ist ein Wort!“, antwortete der Holländer und gab sogleich den Befehl: „Bringt den Rum an Deck!“

 

So was brauchte er der Mannschaft nicht zweimal zu sagen. Von einem Moment auf den anderen waren  alle verschwunden. Aber schon im nächsten Augenblick tauchten sie wieder auf. Mit Fässern und Flaschen jeder Größe. In Eimern schleppten sie den Schnaps an Deck, in Zahnputzbechern. Zwei kamen mit einer gefüllten Badewanne zum Vorschein. - Das Gelage begann. Es dauerte wohl drei Tage.

 

Und für Captain Hansen und den Clown bestand die größte Kunst nun darin, nichts zu trinken, aber doch so zu tun, als ob sie es tun. Sie ließen sich ihre Becher immer wieder nachfüllen, nur sobald keiner hinsah, kippten sie den guten Jamaikarum über die Reling. Für Hansen, der ja selber gerne einen hob, war das eine ziemliche Tortur. Für den Clown reine Selbstverständlichkeit, wie man ja inzwischen weiß. -

 

Endlich, endlich, als es dem vierten Tag entgegenging, die ganze Sippschaft hing schon in den Seilen  oder schlief in irgendwelchen Ecken ihren kolossalen Rausch aus, kippte auch der Holländer einfach um. Man hätte ihn für tot halten können, wäre da nicht dieses grässliche Schnarchen gewesen. Als würde jetzt schon wieder ein anderer auch noch mit Stacheldraht über die alte, verbeulte Gießkanne kratzen.

 

„Und los geht’s!“ Hansen und der Clown schlichen zu dem Aquarium mit dem Meermädchen. Es stand in der Kajüte des Holländers, auf dessen Nachttisch. Der Mistkerl hatte es sich nie nehmen lassen, jeden Abend vor dem Einschlafen seinen Schatz noch ausgiebig zu betrachten. So also saß die Kleine traurig in einer Ecke, auf dem Grund, ihres gläsernen Gefängnisses. Als sie aber die beiden erblickte, tauchte sie erfreut auf und blickte voller Hoffnung über den Beckenrand hinweg.

 

„Und weider geht’s!“, meinte Hansen nur knapp und bestimmt. Und um auch mal was zu sagen, bemerkte der Clown dazu: „Genau. Immer weiter!“

 

Unter Aufbietung aller Kräfte trugen sie den wasserüberschwappenden Glaskasten jetzt vorsichtig an Deck und schütteten ihn, samt Seejungfrau, einfach über Bord. Dankbar tauchte die befreite Fischdame noch zweimal auf, winkte ihren Rettern zu und schwamm schließlich überglücklich und so rasend schnell wie ein Delphin, zurück in die Arme ihrer Familie, die sich mit Sicherheit in irgendeinem Tiefseegraben seit Tagen um sie sorgte.

 

Eine große Gefahr entdeckt zu werden, bestand zur  Zeit nicht. Das Auge des Orkans, wurde von einem solch gewaltigen Schnarchen erschüttert, gegen das der eigentliche Orkan ein Ort der Ruhe und des Friedens war. Es war Rückzug angesagt. Also setzten die zwei mit dem Beiboot zu ihrem Schiff über und segelten schleunigst ihrer Wege. -

 

„Tja, so war das damals, Matrose Clown. Und deshalb verfolgt er mich.“, brummte Hansen zum Clown rüber. Immer noch stand er an der Reling und hielt die verrostete Angel  in den Händen, ohne dass sich bisher auch nur ein alter Schuh als Beute zur Verfügung gestellt hätte.

 

Dem Clown war, als würde er aus einer anderen Welt gerissen. Er stand am Steuerrad dieses vergammelten Fischkutters. Und der hatte sich keinen Zentimeter vom Hafenpier wegbewegt. -

 

Da hatten sich zwei gefunden. Ein Kapitän, der von der Seefahrt offenbar nicht allzu viel verstand, dafür aber ein begnadeter Spinner von dickstem Seemannsgarn war. Und ein Clown, dem man zwar verboten hatte, ein Clown zu sein, der aber gar nicht anders kann. Dem eine kleine, dünne Geschichte ausreicht, um Dank seiner nicht auslöschbaren Clownsphantasie, sofort in diese hineinzuschlüpfen und ein Teil davon zu werden. Und jetzt, da er wieder zurück war, in der Wirklichkeit, das graue Hafengelände sah, das stinkende, blubbernde Brackwasser roch, hatte er zum ersten Mal in seinem Leben Kopfschmerzen. So muss es sein, dachte er, wenn man zu viel getrunken hat, wenn man einen richtig dicken Kater hat. Am besten wäre es, wenn sich das, mit der Phantasie einfach abgewöhnen ließe. Bloß, wie sollte einer wie er das hinkriegen, einer der sein ganzes bisheriges Leben lang jeden Abend auf dem Seil gelaufen ist, dabei mit der einen Hand einen Sonnenschirm gehalten und mit der anderen Trompete gespielt hat. Und der jonglieren kann, mit acht Bällen. Wie soll der sich das abgewöhnen, das mit der Phantasie?

 

 

 

17. Kapitel

 

„So, denn wull we mol!“ Captain Hansen packte auf einmal der Tatendrang. „Anker los und die Leinen gehievt! Oder von mir aus auch umgekehrt!“

 

Tatsächlich kurbelte er jetzt die verrostete Ankerkette hoch, verschwand mal wieder kurz unter Deck und startete den Motor, woraufhin der Kahn langsame Fahrt aufnahm. Ohne viel Mühe ließ er sich nun vom

 

Clown durch das Hafenbecken steuern. Hansen nahm seinen Platz an der Reling ein und warf die Angelschnur in die dreckige Brühe.

 

„Wollen doch mal schauen, ob er nich nochmal anbeißt.“

 

„Wer?“, fragte der Clown vorsichtig. Bloß nicht in neuem Seemannsgarn verfangen. -  Immerhin schien dieses Mal alles Wirklichkeit zu sein. Der Clown stand am Steuer, der Kahn fuhr, Hansen angelte und brabbelte vor sich hin.

 

„Nämlich, das is jetzt genau 9o Tage her, dass der große Blubberwal bei mir angebissen hat. I hob to ihm sächt, holla, was bis’u denn für ‘ne Riesenmakrele. Von we’en Makrele, hat der sächt. I bin der große Blubberwal. Un wenn du mi wieder vom Hoken läßt, dann has’u einen Wunsch frei. Dasch  ja ‘n Ding dachte ich. Und ich hob zu ihm sächt: Hör mal, Blubberwal, ich suche nämlich jemanden, dem ich meine Geschichten erzählen kann, ohne dass er gleich davonläuft. So jemanden wünsche ich mir. Da stöhnte der Wal laut auf und jammerte, das wäre ja nun wirklich ein unerfüllbarer Wunsch. Denn wer wollte sich das schon antun! Aber, ich solle ihm neunzig Toge Zeit geben. Wenn er bis dahin niemanden gefunden hätte, würde er freiwillig zurückkehren und sich an meinen Angelhoken begeben. Er gab mir immerhin sein großes Blubberwalehrenwort. Und da Blubberwale für ihre Ehrlichkeit bekannt sind, vetraute ich ihm und ließ ihn frei. Und dann wartete ich und wartete und wartete. Und ich hab schon dächt, der Wal hädde mich doch betrogen. Aber, das hat er nicht. Denn was sage ich! Heute sind die neunzig Tage rum, und wer ist gekommen! - Du!“

 

Bei dem ganzen Blödsinn, den der Clown sich da anhören musste, wäre ihm aber jetzt wirklich bald der Kragen geplatzt.

 

„Soll das heißen, ich bin nur hier, weil der Blubberwal versprochen hat, jemanden zu schicken, der Ihnen beim Geschichtenerzählen zuhört?“

 

Hansen ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Er angelte einfach weiter.

 

„So issas und nich aners!“

 

„Das ist doch gar nicht wahr!“, explodierte der Clown. Und wäre er jetzt nicht hier auf dem Wasser sondern, im Gebirge, würde ihm wahrscheinlich sein Haarkranz zu Berge stehen.

 

„Ich bin hier, weil mich das Arbeitsamt hergeschickt hat. Und das hat mich hergeschickt, weil mich der blöde Direktor rausgeschmissen hat. Und der hat mich rausgeschmissen, weil ich zu altmodisch und von gestern bin!“

 

„Trotzdem, do bin ich gonz sicher, hinter allem steckt nur der Blubberwal.“

 

Je mehr der Clown sich aufregte, desto ruhiger wurde der Kapitän.

 

„Die Macht, der Blubberwale ist groß. Sie reicht hinauf, bis in die hohe Politik."

 

Der Clown begann zu verzweifeln: „Ich will aber nicht mein Leben lang Ihren Geschichten zuhören. Früher haben die Leute mir zugesehen und zugehört. Und nur weil irgendein Blubberwal Ihnen einen Gefallen tun muss, schmeißt man mich raus! Eine Unverschämtheit!“

 

Vor lauter Wut gab er dem Steuerrad einen kräftigen Schlag, dass es sich im Kreis herumdrehte und das Schiff auf einmal tüchtige Schlagseite bekam.

 

„Was machst du denn da? Willst du, dass wir kentern?“

 

Mit einem Male war es vorbei mit Captain Hansens Bierruhe. Er stürmte an’s Ruder, versuchte sein Schiff zu stabilisieren. Aber, er war zu spät. Der Kahn lag schon fast auf der Seite.

 

„Zu spät! Zu spät! Macht kein Sinn mehr. Spring Clown! Spring!“ Er hatte sich die viel zu weite Uniformjacke vom Leib gerissen und war ins Heck geflüchtet, denn der Bug lag schon im Wasser.

 

Der Clown konnte nicht mehr unterscheiden. War das jetzt echt. - Oder nicht?

 

„Spring Clown! Spring, wenn dir dein Leben lieb ist!“ Dreimal atmete Hansen tief ein. Dann sprang er in die dunkle Brühe hinein. Und...- tauchte nicht mehr auf.

 

Das Schiff sank. Der Bug war schon verschwunden.

 

„Captain Hansen! Ich kann doch nicht schwimmen. Captain Hansen!“

 

Wenn er jetzt nicht sprang, würde er mit dem Schiff in die Tiefe gezogen.

 

„Also gut. Ich springe! Ist ja gar nicht so schwierig.“, schrie er sich selber Mut zu. - Und er sprang. -

 

Das Wasser empfing ihn weicher und wärmer, als er es befürchtet hatte. Überhaupt war alles gar nicht so schlimm. Er sank einfach immer tiefer und tiefer. Und irgendwie fühlte er sich dabei ganz sicher und ganz geborgen. -

 

Als er zu sich kam, war das erste, was er hörte, dieses tiefe Atmen. Ruhig und gleichmäßig.  Er sah sich um. Leider vergeblich. Denn es war dunkel hier. - Hier? Wo?

 

„Hallo! Ist da jemand?“

 

Dieses tiefe Atmen. Fast wie ein Motor. Das war alles, was er über seinen Aufenthaltsort hätte sagen können, wenn ihn einer gefragt hätte.

 

Und erneut rief er in diese Dunkelheit hinein:“Wo bin ich? Bin ich auf dem Grund des Meeres? Aber, wo ist dann das Wasser“?

 

Wieder keine Antwort. Vielleicht bin ich ja tot, fiel es dem Clown ein. Vielleicht ist das so, wenn man tot ist. Dunkelheit, und dazu ein tiefes Atmen. Woher sollte er wissen, wie das ist. Wenn er tot war, war er es schließlich das erste Mal. Aber, es wäre nett, wenn jetzt irgendjemand käme, irgendein Beamter zum Beispiel, also, wenn der ihm einfach sagen würde. So, Herr Clown. Sie sind tot. Sie brauchen nicht mehr zum Arbeitsamt und umschulen. Sie sind zwar tot aber immerhin ein Clown. Also, wenn das jetzt mal wenigstens einer feststellen könnte, damit wäre ihm schon geholfen.

 

Plötzlich war das Atmen weg. Das Atmen war weg und eine Stimme, ganz dunkel und leise und angenehm sprach zu ihm:“Du bist nicht tot. Du bist in meinem Bauch.“

 

Mein Gott, der kann Gedanken lesen, schoss es dem Clown erstens durch den Kopf. Und zweitens, in welchem Bauch? Schon wollte er eine Frage stellen. Aber, das brauchte er gar nicht. Er brauchte ja nur zu denken, oder sich vorzustellen, was er fragen wollte. - Im Bauch von wem?, dachte er also. Und bitte, wer bist du denn?

 

„Na wer wohl!“, kam prompt die Antwort. „Der Blubberwal natürlich! Der alte Hansen hat dir doch sicher von mir erzählt.“

 

Also, das war jetzt wirklich ein Ding. Im Bauch vom Blubberwal. Ne, also, das hätte der Clown nicht gedacht. Er hat überhaupt eine Menge erzählt. Und von dir besonders Aber, ich dachte, das wären alles nur Geschichten, die er sich ausgedacht hat. Dich gibt es also wirklich?

 

„Was kümmert’s dich!“ Dem Blubberwal wurde dieses Hin- und Hergerede offenbar zu viel. Anscheinend hatte er anderes zu tun.

 

„Du bist nicht ertrunken. Du bist sicher in meinem Bauch gelandet. Kümmere dich um nichts weiter. Dafür bin ich ja da. Schlaf einfach eine Weile.“

 

„Ja, aber...!“ Der Clown wollte eigentlich noch die eine oder andere Frage stellen. Aber der Wal atmete schon wieder ruhig, tief und gleichmäßig. Und es klang nicht so, als wollte er sich darin noch einmal unterbrechen lassen.

 

 

 

18. Kapitel

 

 „Er wird langsam wach.“

 

Die Frau, die links neben ihm auf der Bank saß und an seinem Arm rüttelte, kam ihm bekannt vor.

 

„Ob er getrunken hat?“, fragte jetzt der Mann zu seiner rechten. Auch den hatte der Clown schon mal gesehen. So langsam wurde er wieder klar. „Sie sind doch die beiden mit dem Heft. Mit dem Heft, das man lesen muss, und schon ist man umgeschult.“

 

„Das ist aber eine ganze Weile her.“, sagte die Frau. „Inzwischen sind wir selber umgeschult.“

 

„Was sie nicht sagen?“ Der Clown hatte schon das Gefühl in der Wirklichkeit zu sein. Er wusste nur nicht mehr so genau was das ist, - Wirklichkeit.

 

„Der da hat unser Leben verändert.“ Die Frau zog jetzt ein Heft aus ihrer Handtasche.

 

Da ist es ja das Heft, dachte der Clown. Aber es war ein anderes Heft. Es war eine Fernsehzeitschrift.

 

Und auf dem Titelbild, ganz groß und in Farbe: Alexander!

 

„Wir arbeiten für ihn.“ Die Frau wirkte glücklich. Und auch der Mann konnte seine Rührung kaum verbergen.

 

„Sie erinnern sich. Damals vor dem Arbeitsamt. Da hatten wir uns verabredet. Und das hat unser Leben verändert.“

 

„Ja. Ja. Ich weiß.“ So langsam dämmerte es dem Clown.  Und Alexander, er ist in diesem Heft...?“

 

„In diesem?“ Die Frau schien den Sinn der Frage nicht zu verstehen. „In allen! - Und wir arbeiten für ihn! Stellen Sie sich das vor!“

 

„Alexanders Mundharmonikashow!“, unterbrach sie der Mann. „Das Fernsehereignis des Jahres! Er interviewt Leute, zieht sie dabei durch den Kakao und spielt Mundharmonika dazu. Man kommt aus dem Lachen nicht mehr heraus.“

 

Der Clown hatte Kopfschmerzen. Er fasste sich an den Schädel. Der Haarkranz war fast zugewachsen. - Komisch! - Bei der Caritas hatte sie ihm andere Klamotten gegeben. Ein paar alte Jeans, ein Hemd und einen warmen Mantel. Nur die Clownsschuhe hatte er noch an. Für solche Füße gibt’s keine normalen Schuhe. Daran hatten ihn die beiden wiedererkannt.

 

„Er will Sie sehen. Unbedingt! Wir sollten nach Ihnen Ausschau halten und Sie zu ihm bringen. Er braucht Sie, will mit Ihnen zusammenarbeiten. Er interviewt die Leute, zieht sie dabei durch den Kakao und spielt Mundharmonika dazu. Und Sie sind halt der Clown dabei.“

 

„Das hört sich nicht schlecht an.“, sagte der Clown.

 

Und so gingen sie in’s Fernsehstudio. Alexander freute sich riesig, seinen Freund wiederzusehen. Er fragte ihn, wo er denn die ganze Zeit gesteckt hatte. Im Bauch des Blubberwals, antwortete der.

 

„Im Bauch des Blubberwals“! Alexander und sein Team fanden die Idee riesig. Die Kandidaten sitzen „Im Bauch des Blubberwals“ , das sollte auch der Titel der neuen show sein, also, sie sitzen im Bauch des Blubberwals und müssen Aufgaben lösen, oder Fragen beantworten, oder beides. Und der Clown, der muss auch noch in die show eingebaut werden. Er könnte zum Beispiel...wo war er überhaupt?

 

In der Kantine steckte er und feilte grade an einem tollen, neuen Trick. Und darum ging es. Der Zuckerlöffel muss in die Zuckerdose. Irgendwann, vor langer Zeit hatte er angefangen, an diesem Trick zu arbeiten. Und was der Clown anfängt, das bringt er auch zu Ende.